Episode 04: Todesvisionen

Todesvisionen Captain Lairis ist auf einem unwirtlichen Planetoiden abgestürzt und muss zusehen, wie ein Mitglied ihrer Crew nach dem anderen stirbt.
Doch die Ereignisse nehmen plötzlich seltsame Wendungen und Lairis beginnt, zu zweifeln: Ist das, was sie erlebt, überhaupt real? Ist sie wahnsinnig oder bereits tot?
Antworten auf ihre Fragen erhält sie von ihrer Vorgängerin Corazón Inserra – die vor über 50 Jahren gestorben ist …

Status:  fertig

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1. Kapitel: Gestrandet

„Warnung! Aufprall in drei Minuten … zwei Minuten, fünfzig Sekunden … zwei Minuten, vierzig Sekunden …“
Die melodische, gleichgültige, monotone weibliche Stimme drang aus einer anderen Dimension zu Captain Lairis Ilana durch. Der Verstand der Bajoranerin driftete zwischen Vergangenheit, Zukunft und Fantasie. Nur die Gegenwart schien nicht greifbar.
„Warnung! Temperatur der Außenhülle erreicht kritisches Niveau!“
„Schilde auf volle Kraft!“ entgegnete Lairis automatisch. Einer der Befehle, die ihr ins Blut übergegangen waren, obwohl sie diesmal keine Ahnung hatte, weshalb sie ihn erteilte. Ein Schiff war offensichtlich in Schwierigkeiten und sie ahnte, dass es ihr eigenes war. Vage Erinnerungen an einen Quantentorpedo-Angriff stiegen hoch, ein Sternenflottenschiff, das auf ein anderes feuerte … Nur weshalb? Es schien so unverständlich, so sinnlos. Ein Teil der Antwort ragte aus einem Strudel wirrer Gedanken und Gefühle, wie der Arm eines Ertrinkenden. Lairis versuchte ihn zu fassen, doch er verschwand im Strudel.
Feuer, Qualm und Hitze. Ihre letzten Erinnerungen. Feuer, Qualm, Zerstörung, Tod.
Kritisches Niveau. Aufprall. Warnung.
Schlagartig begriff sie, dass sie in höchster Gefahr schwebte. Sie war in ihrem brennenden Schiff eingeschlossen, erkannte sie mit Entsetzen. Ihre Flucht war nur eine Illusion gewesen.
„Warnung: Aufprall in zwei Minuten, dreißig Sekunden …“
Mit einem Mal war Lairis hellwach. Sie befand sich nicht an Bord der CASABLANCA, sondern in einem Shuttle … einem Shuttle, das sich im Sturzflug auf einen Planeten befand! Ein sandgelber, toter Himmelskörper, dessen Gravitation sie unbarmherzig in die Tiefe zog.
„Voller Impuls! Steigflug hundertsechzig Grad!“ wies sie den Computer hastig an. Vielleicht konnte sie der Anziehungskraft des Himmelskörpers noch entkommen.
Doch das Shuttle reagierte nicht. Lairis bediente die Regler manuell, aber das Schiff stürzte weiter in die Tiefe. Ihr wurde übel. Vom Gift in ihrem Blut und vor Angst um ihr Leben.
„Computer: Diagnose der Impulstriebwerke!“
„Die Impulstriebwerke funktionieren innerhalb normaler Parameter.“
„Erzähl mir doch keinen Schwachsinn!“ tobte sie los.
„Befehl kann nicht verarbeitet werden.“
„Das ist wohl deine Ausrede für alles heute.“
„Befehl kann nicht verarbeitet werden.“
„Wie wär’s mit: Maschinen haben zu funktionieren!“
„Warnung! Aufprall in zwei Minuten, dreißig Sekunden.“
„Ich WARNE dich!“ fuhr Lairis den Computer an. „Wenn ich überlebe, wirst du elendes Ding sofort auf den Müll geschmissen! Verdammter überempfindlicher Föderationsschrott!“
Lairis betätigte die Regler für den Sinkflug, aber nichts geschah.
Das Shuttle trudelte dem steinigen Boden entgegen. Dutzende hoher, spitzer Felsnadeln ragten aus dem Sand. Mit Grauen erinnerte sich Lairis an einen Alptraum, in dem sie von Metallpfählen am Grund einer Schlucht aufgespießt wurde. Konnten Alpträume wahr werden? Sie hätte sich am liebsten vom Bildschirm abgewandt. Feine Schweißperlen traten ihr aus allen Poren. Ihre Finger waren klamm und steif, als sie die Antigravitationstriebwerke einschaltete. Ihre letzte Rettung vor dem sicheren Tod.
Aber der freie Fall des Shuttles verlangsamte sich kein bisschen.
Das Bild auf dem Monitor wich immer wieder einem diffusen Rauschen.
„Computer, Systemdiagnose! Was, zum Henker, ist hier los?“
Der Computer antwortete nicht und sie schlug voller Frust mit der flachen Hand auf den Schalter für das Antigrav-Triebwerk. Plötzlich verharrte das Shuttle zwischen der dünnen Wolkenschicht und den schwarzen Hügelketten.
„Also, wir verstehen uns doch.“ Lairis wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel von der Stirn. Ihre Finger zitterten noch leicht, als sie über die Regler des Steuerpults glitten. Das Shuttle beschrieb einen eleganten Bogen abwärts. Lairis atmete erleichtert auf. „Na bitte, warum nicht gleich so?“ Es sah ganz so aus, als würde sie doch noch eine akzeptable Landung zustande bringen. Sie fragte sich, weshalb die Navigationselektronik verrückt gespielt hatte. Elektromagnetische Felder? Schäden durch die Hitzeentwicklung beim Atmosphäreneintritt? Die Außenhüllen von Sternenflottenshuttles bestanden zwar aus einer speziellen Keramikverbindung, die wie ein Hitzeschild wirkte und ein Verglühen in der Atmosphäre verhinderte. Nichtsdestotrotz war es ratsam, bei einer Landung den Energieschutzschild hochzufahren, um die Außenhaut zu schonen. Lairis hatte zwar die Schutzschilde aktiviert, aber vielleicht war es zu spät geschehen.
Weil sie bewusstlos gewesen war.
Nun erinnerte sie sich wieder: Sie hatte mit Mühe und Not das Shuttle erreicht, bevor eine Explosion die Antriebssektion des USS Casablanca in Stücke gerissen hatte. Die glühenden Trümmer stürzten auf sie zu wie feindliche Torpedos, doch sie war in letzter Sekunde mit dem Shuttle auf Warp gegangen und dem Feuerregen entkommen.
Aber wo befand sie sich jetzt? Welchen Kurs hatte sie programmiert?
Sie bemühte ihr Gedächtnis ohne Erfolg, die Zahlen verschwammen vor ihren Augen. Gegen die toxischen Gase aus der brennenden Casablanca, die ihr Blut vergifteten, hatte sie nicht länger ankämpfen können. Sie wusste nicht, wie lange sie mit Warp 4,8 durchs All geflogen war, blind, auf einem ungewissen Kurs. Sie war erst aufgewacht, als das Shuttle im Begriff war, auf einen unbekannten Planeten zu stürzen.
Das ergab durchaus Sinn. Raumschiffe der Föderation verfügten über einen Sicherheitsmechanismus, der automatisch von Warp auf Impuls schaltete, wenn sich das Schiff auf Kollisionskurs mit einem Himmelskörper, einem anderen Schiff oder einer Raumstation befand und der Pilot den Kurs nicht innerhalb von zwanzig Sekunden korrigierte.
Lairis dachte mit großer Dankbarkeit an die Schiffskonstrukteure und ihre Weitsicht. Eine Weitsicht, ohne die sie jetzt tot wäre. Sie reduzierte das Antigravitationsfeld mit jedem Meter, den sie sich der Oberfläche näherte. Das Shuttle berührte schon beinahe den Untergrund. Sie gab den Befehl zum Ausfahren der Landestützen.
Doch sie hatte sich zu früh gefreut.
Wieder flackerte das Bild auf dem Monitor.
Das Shuttle kreischte auf wie ein lebendes Tier, als es über felsigen Boden schrammte, ein paar Meter aufstieg, wieder über den Fels schrammte, dann über Sanddünen schlitterte.
Lairis bekam die Steuerung nicht in den Griff – egal, was sie versuchte. Das kleine Schiff galoppierte wie ein ungezähmtes Pferd durch die Wüste. Es ließ sich nicht stoppen, nicht hoch reißen und nicht wenden. Der Sand spritzte rechts und links meterhoch.
Ein See glitzerte in der Ferne. Oder ein Binnenmeer. Die Sonne, bereits tief am Himmel, überstrahlte alles mit ihrem Glühen. Auch die schwarze, senkrechte Felswand, die bedrohlich näher rückte … Die Geschwindigkeit des Shuttles ließ sich nicht drosseln. Das Schiff schien verhext. Es hatte sich vollkommen der Kontrolle seiner Pilotin entzogen.
„Voller Stopp! Trägheitsdämpfer hoch!“ rief sie verzweifelt und drückte gleichzeitig die Bremsregler bis zum Anschlag durch.
Aber das Schiff kam nicht zum Stehen. Es wurde zwar durch die Reibung mit dem Untergrund immer langsamer – vielleicht sogar langsam genug, um Lairis das Leben zu retten – dennoch schien der Zusammenstoß mit der Felswand unvermeidbar. Sie füllte bereits den ganzen Bildschirm aus. Lairis versuchte, das Schiff herum zu reißen: hart Steuerbord, hart Backbord, immer wieder … aber es nützte nichts. Zur Hölle, wieso ließ sich das verfluchte Ding nicht manövrieren? Es hatte doch eben noch geklappt!
„Bitte, tu mir das nicht an“, murmelte sie halb erstickt. Der Computer hörte nicht auf sie.
Lairis versuchte ein letztes Ausweichmanöver und ahnte bereits, das es nicht funktionieren würde. Für einen Moment schloss sie die Augen und betete, die Außenhülle möge dem Zusammenprall standhalten. Ihr Magen schmerzte, ihre Kehle war wie zugeschnürt.
Doch plötzlich, als wären ihre Gebete erhört worden, stoppte das Shuttle abrupt. Zumindest bewegte es sich nicht mehr vorwärts, sondern … Abwärts!
Lairis blinzelte irritiert. Der schwarze, zerklüftete Fels füllte immer noch den Bildschirm – aber nicht mehr den ganzen Schirm. Nein, die untere Hälfte war mit feinem, zart gelbem Sand bedeckt. Sand der immer höher stieg und den Fels verschluckte!
Lairis’ Herzschlag setzte für eine Sekunde aus. Treibsand!
„Computer: Notfalltransport!“ Blitzschnell packte sie den Tornister neben ihrem Sitz. Er enthielt ein Med-Kit, einen Tricorder, eine Packung Feldrationen und zwei Zwei-Liter-Flaschen Mineralwasser. Lairis hatte angeordnet, dass mehrere solcher „Notfall-Tornister“ auf allen Shuttles der CASABLANCA griffbereit deponiert werden sollten, falls eine plötzliche Evakuierung nötig war oder die Replikatoren nach einem Crash nicht mehr funktionierten.
„Transport nicht möglich. Zu starke elektromagnetische Interferenzen.“
„Scheiße, das darf doch wohl nicht wahr sein!“ fluchte Lairis, während sie den Tornister schulterte, auf den Pilotensitz sprang, die Notausstiegsluke aufriss, die Griffe an der Decke packte und Schwung holte, um sich hochzuziehen. Elektromagnetische Interferenzen. Zumindest hatte sie jetzt die Erklärung, weshalb das Navigationssystem immer wieder versagt hatte. Ihre Uniform qualmte, dort, wo sie mit der heißen Außenhülle in Berührung kam. Sie schaffte es, sich aufzurappeln, ohne das Schiff mit bloßen Händen zu berühren. Mit einem Satz rettete sie sich vom Dach und ein Teil ihrer Schuhsohlen blieb daran kleben. Sie verschwendete keinen Gedanken daran, ob der Boden dort, wo sie landete, ebenfalls instabil sei. Welche Wahl hatte sie?
Der Gestank nach verbranntem Gummi gab ihrem Magen den Rest. Ihre Beine versagten den Dienst. Sie sank auf die Knie, aber zumindest sank sie nicht tiefer in den Boden ein. Ein Geysir aus brennender Säure schoss ihre Speiseröhre hoch und im nächsten Moment ergoss sich ihr spärlicher Mageninhalt in den Wüstensand. Qualvolle Minuten, in denen sich ihr Inneres immer wieder zusammen zog und anschließend brachial aus ihr heraus quoll.
Danach fiel sie erschöpft in den Sand. Der Himmel drehte sich über ihr.
Als sie sich etwas besser fühlte, nahm sie die Feldflasche aus dem Rucksack und trank gierig ein paar Schluck Wasser, um den widerlichen Geschmack nach ihrem eigenen Erbrochenen herunter zu spülen. Allerdings war ihr bewusst, dass sie sehr sparsam mit dem Wasser umgehen musste. Falls das Shuttle gänzlich im Treibsand verschwinden sollte und sie kein Süßwasser auf diesem Planeten fand …
Ihr Gesicht fühlte sich heiß an und tat weh, ebenso ihre Hände. Es war ihr nicht aufgefallen, so lange sie mit der Steuerung ihres Shuttles gekämpft hatte, doch nun erkannte sie, dass die Hitze auf der brennenden CASABLANCA Spuren hinterlassen hatte. Verbrennungen ersten und zweiten Grades. Auf dem Handrücken bildeten sich erste Brandblasen. Sie tastete nach dem Hautregenerator in ihrem Notfall-Koffer und bearbeitete damit ihr Gesicht und ihre Hände so lange, bis die Schmerzen aufhörten. Anschließend injizierte sie sich ein Medikament, das die Sauerstoffversorgung ihres Blutes erleichterte. „Das ist wirklich nicht mein Tag“, murmelte sie und wagte einen Blick zu ihrem Shuttle. Es war nicht vollständig im Treibsand verschwunden und das beruhigte sie sehr. Falls es innerhalb der nächsten halben Stunde nicht tiefer einsinken sollte, konnte sie riskieren, noch einmal an Bord zu gehen und die übrigen Tornister zu bergen. Mit den Nahrungs- und Wasservorräten darin konnte sie mindestens eine Woche überleben, selbst wenn sie keine Süßwasserquelle fand. Vielleicht gelang es ihr, ein Notsignal zu senden, sobald der elektromagnetische Sturm nachgelassen hatte.
Zunächst musste sie mit ihrem Tricorder die Stabilität des Bodens prüfen. Vorher würde sie keinen einzigen Schritt wagen! Als sie das Gerät aufklappte, zeigte sein Display eine Außentemperatur von 34°C und 18 Prozent Sauerstoff in der Atmosphäre an. Keine Giftigen Gase.
„Na ein Glück – bleibt mir bloß vom Acker mit giftigen Gasen! Ohne diese widerliche Hitze, den Staub, den Treibsand und die miserable Verkehrsanbindung würde ich diesen Ort ja für meine Flitterwochen buchen. Vierunddreißig Grad! Und das abends! Ich will nicht wissen, wie heiß es hier unter Mittag wird.“
Im nächsten Augenblick grinste sie über ihr eigenes Verhalten. Kaum gestrandet, schon führte sie Selbstgespräche! Also aktivierte sie die Record-Funktion ihres Kommunikators.

„Persönliches Computerlogbuch, Captain Lairis Ilana. Sternzeit unbekannt.
Ich habe mein Schiff, die USS Casablanca, in die Flugbahn eines Quantentorpedos gesteuert, entkam mit sehr viel Glück aus der brennenden Antriebssektion, erwischte im letzten Moment ein Rettungsshuttle, bin gestartet, bevor die Casablanca explodierte, wurde als Folge einer Rauchvergiftung bewusstlos, erwachte im Orbit dieses mir unbekannten Planeten und habe im wahrsten Sinne des Wortes die Landung in den Sand gesetzt.
Ich weiß, sehr ruhmreich klingt das alles nicht – aber zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass ich mit der Untertassensektion der Casablanca einen Torpedo abgefangen habe, der für die USS Defiant bestimmt war. Und dass dieser Torpedo nicht etwa von Dominion oder irgendwelchen anderen Lakaien eines Schurkenstaates abgefeuert wurde, sondern von einem Sternenflottenschiff, der USS Lakota. Zum Glück scheint die Strahlung, die der explodierende Torpedo abgegeben hat, nicht bis zur Antriebssektion vorgedrungen zu sein. Sonst hätte ich es längst gemerkt und – bei den Propheten – dann wären die klimatischen Bedingungen auf dieser Staubkugel meine geringste Sorge.
Admiral Layton befahl der Kommandantin der Lakota, Captain Erica Benteen, auf die Defiant zu feuern – mit der Begründung, die Crew sei durch Wechselbälger ausgetauscht worden.
Meine Offiziere und ich wissen es jedoch besser. Um sicher zu gehen, haben wir nämlich bei allen Besatzungsmitgliedern der Defiant Bluttests durchgeführt. Benteen wollte mir dummer Weise nicht glauben, dass wir die Blutproben besitzen … sie dachte, ich bluffe nur und sei von meinen angeblichen Freunden – die ja ihrer Meinung nach alles Wechselbälger sind – an der Nase herum geführt worden … hätte mir die ganze Geschichte nur aus den Fingern gesogen, um Layton die Karriere zu versauen … was auch immer. Es ging beim besten Willen nicht in ihren Kopf, dass Laytons Behauptung, die Besatzung der Defiant bestünde aus Wechselbälgern, falsch sein könnte. Daher waren meine Versuche, sie verbal zu überzeugen, leider völlig erfolglos, und ich musste zu etwas … radikaleren Mitteln greifen. Im Klartext: Ich sah keine andere Wahl, als mein Schiff und mein Leben zu riskieren, um sie zur Umkehr zu bewegen. Schließlich würde kein Sternenflottenoffizier für ein Schiff voller Wechselbälger sterben! Jetzt, wo sie denkt, sie hätte die Crew des USS Casablanca auf dem Gewissen, wird sie hoffentlich aufhören, auf andere Sternenflottenschiffe zu feuern.

Genau das werde ich auch vor Gericht aussagen. Entweder als Zeugin oder als Angeklagte.
Eines steht fest: Wenn mein selbstmörderischer Appell an Benteens Vernunft erfolglos war, ist mir das Kriegsgericht sicher. Falls mich die Sternenflotte hier findet, heißt das. Ich hoffe es, denn ehrlich gesagt wäre ich lieber in einer Strafkolonie der Föderation gefangen als … hier. Wenn ich es so unfein ausdrücken darf: Dieser Planet kotzt mich jetzt schon an – und das gleiche habe ich mit ihm auch gemacht.“

Lairis stoppte die Aufnahme und ließ ihren Blick in die Ferne schweifen. Die riesige, gelbe Sonne würde bald im See versinken. Nein, im Meer, korrigierte sich Lairis. Ihren Tricorderwerten zufolge handelte es sich um ein stark salzhaltiges Binnenmeer. Es enthielt keine giftigen Mineralien, keine Pflanzen und keine Tiere. Leben schien es hier sowieso nicht zu geben und das machte Lairis Angst. Wovon sollte sie sich ernähren, falls ihre Vorräte aus dem Shuttle zu Neige gingen und der Replikator nicht funktionierte?
So weit durfte sie gar nicht denken. Vielleicht hatte die Raumüberwachung sie längst lokalisiert … Nein, dieses Gedanken verwarf Lairis ganz schnell wieder. Die Föderierte Raumüberwachung interessierte sich in der Regel nur für vier Sorten Schiffe: solche, die klein Föderationskennzeichen trugen, solche, die offensichtlich in Schwierigkeiten steckten, solche, die gerade ihre Waffen abfeuerten und solche, die schneller als Warp 5 flogen. Das Shuttle von Captain Lairis gehörte zu keiner dieser Kategorien. Aber die Sternenflotte würde ganz bestimmt nach ihr suchen und ihre Offiziere würden die Hoffnung als letztes aufgeben.
Als sie an ihre Crew dachte, verspürte sie einen vagen Schmerz. Lieutenant Commander Jeremy Prescott, Lieutenant Marc van de Kamp, Fähnrich Vixpan, Fähnrich Pamela Wheeler und Lieutenant Varla waren im Privatshuttle des Captains gestartet, als der Torpedo die Casablanca getroffen hatte. Alle übrigen Crewmitglieder hatte Lairis auf der Raumstation des befreundeten Captains Charles Devereaux zurückgelassen.
Auch um ihn machte sie sich Sorgen. Sollte ihr Plan nicht aufgegangen sein, drohte ihm ebenfalls das Ende seiner Karriere – vielleicht sogar Gefängnis.
Aber Prescott hatte die Blutproben mitgenommen. Sie waren der letzte Beweis, falls Benteen tatsächlich die Defiant abgeschossen hatte. An diese Hoffnung klammerte sich Lairis.
Die Föderation durfte sich nicht in eine Diktatur verwandeln, in der es normal war, dass Zivilisten in ihren Wohnungen eingesperrt und abtrünnige Sternenflottencrews mit furchtbaren, neuartigen Waffen ausgelöscht wurden! Lairis hatte erlebt, was bereits ein einziger Quantentorpedo auf einem großen Schiff wie der Casablanca anrichten konnte. Zwei oder drei dieser Torpedos würden die kleine Defiant auf der Stelle vaporisieren.
Eine unbestimmte Zeit saß sie regungslos da und blickte auf den Horizont, wo die Abendsonne den Himmel mit orange und purpur überzog. Sie wurde müde, ihre Gedanken plätscherten dahin wie die Wellen des Meeres. Noch bevor es völlig dunkel würde, würde sie sich gönnen, darin zu schwimmen.
Doch zunächst galt es, Dringendes zu erledigen. Ihr Shuttle steckte seit mehr als einer Stunde auf der selben Höhe im Sand und die Außenhaut musste inzwischen abgekühlt sein. Also raffte Lairis sich auf, um an Bord zu gehen. Sobald sie die Tornister mit den Lebensmittelvorräten in Sicherheit gebracht hatte, musste sie einen Unterschlupf für die Nacht suchen.
Die ersten drei Tornister lehnten bereits draußen an der Felswand, als ihr einfiel, dass sie anhand der Sensordaten ungefähr herausbekommen könnte, wo sie gestrandet war.
Doch eine ungute Vorahnung erfasste sie, ein Gefühl, das ihren Rücken mit einer Gänsehaut überzog. Zunächst versuchte sie, ein Notsignal auf allen Föderationsfrequenzen zu senden. „Hier ist Captain Lairis Ilana von der USS Casablanca“, begann sie. „Mein Schiff wurde zerstört, ich musste notlanden und habe keine Ahnung, wo ich bin …“ Ein statisches Rauschen begrüßte sie und ihr wurde immer mulmiger zumute. Sie hatte gehofft, dass die elektromagnetischen Interferenzen inzwischen nachgelassen hatten und ihre Nachricht dort draußen empfangen werden konnte. Der Computer gab zwar keine Fehlermeldung, aber auch keine Meldung, dass ihr Signal erfolgreich abgesetzt wurde. Aber das tat er sonst immer, das musste einfach sein …
Lairis wunderte sich über die heftige Angst, die diese banale Fehlfunktion in ihr auslöste.
„Gut, dann mach ich erst mal eine Sensoranalyse und versuche es später noch mal“, sagte sie zu sich selbst, um sich zu beruhigen.
Die Sensordaten scrollten den Bildschirm herunter und mit jeder Zeile verstärkte sich die undefinierbare, beklemmende Furcht, die von Lairis Besitz ergriffen hatte.
Nein, bitte nicht … warum passiert mir das … Bin ich der Pechvogel der Woche? Wie schlimm kann dieser Tag noch werden? Habe ich die Daten falsch gelesen? Hoffentlich …
Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, aber Hoffnung – so erkannte sie schnell – war nicht sehr angebracht. Falls sich ihr Notsignal in den elektromagnetischen Feldern zerstreut hatte, würde niemand kommen, um sie zu retten. Nicht einmal ihre Crew.
Lairis verlor jedes Zeitgefühl, während sie förmlich erstarrt vor den Bildschirm saß, unfähig, die brutale Wahrheit, die ihr aus einer Kette schlichter Zahlen entgegen starrte, zu verarbeiten. Sie war gestrandet. Verloren. Und früher oder später würde sie verhungern, wenn Starfleet die Suche nach ihr aufgab.
Sie würden überall nach ihr suchen. Überall – nur nicht hier.
Mit tauben, steifen Gliedern richtete sie sich auf. Der letzte Tornister. Sie musste ihn hier raus bringen – für den Fall, dass der Boden unter dem Schiff später seine Konsistenz verlieren sollte. Auf diesem verfluchten Planeten konnte man nie wissen …
Mit dem Tornister auf dem Rücken kletterte sie hinaus ins Freie. Ihr Körper funktionierte wie ein Automat, während ihr Verstand sich in Panik zu verlieren drohte. Beide Arme über dem Kopf verschränkt, die Nase gegen den Stein gedrückt, lehnte sie an der Felswand und kämpfte mühsam um ihr inneres Gleichgewicht. Völlig aussichtslos war ihre Lage nicht – sie musste nur immer wieder versuchen, das Notsignal zu senden. Irgendwann gab es sicher eine Pause zwischen den elektromagnetischen Stürmen. Es deutete nichts darauf hin, dass das Comm-System defekt war. Auch der Replikator war noch intakt und konnte sie längere Zeit versorgen. Mit diesem Gedanken schöpfte sie neuen Mut und beschloss, gleich noch einmal an Bord zu gehen.
Sie wandte sich um und ihr wurde schwindelig. Aber diesmal lag es nicht an den Folgen ihrer Rauchvergiftung und auch nicht an der Hitze. Es lag daran, dass sie Halluzinationen hatte. Glaubte sie jedenfalls. Hoffte sie!
Denn wenn sie nicht halluzinierte, war ihr Shuttle verschwunden.
Sie rieb sich mehrmals mit der Hand über die Augen, in dem frommen Wunsch, ihre überreizten Nerven hätten ihr einen Streich gespielt.
Aber da war kein Shuttle. Nur endlose Sanddünen, das Meer und der Himmel, der sie mit seinem romantischen Sonnenuntergangspanorama verspottete.
Da stieß Lairis einen markerschütternden Schrei aus und schlug immer wieder mit bloßen Fäusten auf den Fels ein.

TO BE CONTINUED ….

© 2007/08 by Adriana Wipperling

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One Response

  1. Alex says:

    Hallo Adriana,

    ich wollte dir nur mal mitgeteilt haben, dass man viele Episoden von Star Trek Defender nicht mehr runterladen kann. Wollte mir noch mal eine zu gemühte tun und wurde schwer enttäuscht.

    Wieso lädst du deine Episoden nicht auch bei FanFiktion.de hoch? Dort gibt es ja auch eine
    Star Trek Abteilung.

    Ich wollte dir das nurmal zukommen lassen.

    gruß
    Alexander

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