Episode 02: Hinter der Maske – Teil 1

Hinter der Maske Die Erde im Ausnahmezustand: Durch Sabotage ist auf dem ganzen Globus der Stromausgefallen, die Angst vor Hunger und Krieg treibt viele Menschen zu Plünderungsaktionen.
Eine Auseinandersetzung zwischen Plünderern und Sternenflotte endet in einem furchtbaren Unglück mit mehreren Toten. Daraufhin verhängt Admiral Layton eine ganztägige Ausgangssperre – und provoziert eine harte Auseinandersetzung mit Captain Lairis.
Es scheint, als könne nur die USS DEFENDER die Lage auf der Erde stabilisieren – aber dann kommt Lieutenant van de Kamp hinter das dunkle Geheimnis des Schiffsprototypen …

Status: fertig

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1. Kapitel: Feuer

Menschen! Sie schrieen, sie tobten, sie stießen sich gegenseitig die Ellbogen in die Rippen … es drängten sich viel zu viele von ihnen in dieser engen Seitengasse.
Lieutenant Commander Jeremy Prescott war stets überzeugt gewesen, Menschen zu mögen – aber in diesen Augenblick machten sie ihn nervös. Er umklammerte seine Dienstwaffe, deren Lauf glatt und kühl war. Sie fühlte sich gut an … nach Sicherheit … und Macht.
Prescott war leidenschaftlicher Fan einer gewissen Science Fiction Saga aus dem zwanzigsten Jahrhundert und hoffte, die Macht möge mit ihm sein. Er war überhaupt ein Fan des zwanzigsten Jahrhunderts. Zu dieser Zeit hatten Sicherheitsoffiziere noch Helme und Schilde getragen – keine lächerlichen, senfgelben Joggingoveralls. Prescott liebte die Sternenflotte, aber manchmal wünschte er, sie würden bessere Schneider beschäftigen.
Und in diesem Moment wünschte er, sie hätten die Erde nicht unter Kriegsrecht gestellt. Es war jedoch notwendig gewesen, denn Wechselbälger hatten das globale Energienetz sabotiert, um die Erde für den Fall einer Invasion wehrlos zu machen. Jedenfalls stand für Prescott außer Zweifel, dass es das Werk von Wechselbälgern war.
Nun hatten er und seine Einheit den Befehl, durch die Straßen von San Francisco zu patrouillieren und darauf zu achten, dass die Zivilisten sich an das Kriegsrecht hielten. Unruheherde aufzuspüren, gehörte dazu. So wie diesen hier …
Ein unattraktiver Backsteinklotz in der Montana Street, zertrümmerte Fenster, aus denen Menschen irgendwelche Gegenstände warfen … ziemlich nutzlose Gegenstände, wie Rollen selbstklebender Folie oder durch Molekularbindung haftende Wandhaken … aber die Meute auf der Straße stützte sich darauf, als hinge ihr Leben davon ab. Es waren die Schwachen, Kranken und Alten … diejenigen, die beiseite geschubst worden waren, als andere das Gebäude gestürmt hatten.
Prescott schlug frustriert mit der Hand nach seinem Kommunikator. „’Wir können in absehbarer Zeit keine Verstärkung schicken’ – wie stellen die sich das vor? Natürlich weiß ich, dass alle Sicherheitstruppen der Sternenflotte im Einsatz sind … trotzdem … sollen sie sich den Spaß mal angucken! Ich zähle hier draußen schon über fünfzig Plünderer – und wer weiß, wie viele sich noch im Gebäude aufhalten … Damit werden wir nicht fertig! Wir sind sechzehn Mann … die zerquetschen uns doch wie die Fliegen, die lachen sich über uns kaputt …“
„Wahrscheinlich haben sie überall auf der Welt die selben Probleme“, erwiderte Prescotts Stellvertreter, Lieutenant Beck, voller Resignation. „Schon die vierte Plünderei, seit sie uns den Strom abgestellt haben … hoffentlich komme ich noch zu meinem Abendbrot! Oder ich fresse einfach die Regale im nächsten Supermarkt leer.“
„Falls noch was übrig ist“, gab Prescott zu bedenken.
„Muss ja ein phantastischer Laden sein“, meinte Beck. „Die Typen führen sich auf, als ob es hier goldgepresstes Latinum gäbe!“
„Wohl kaum. Das hier ist Clancey’s Superstore, ein Großmarkt für Heimwerkerbedarf.“
„Wollen die etwa ihre Wohnung renovieren? Damit würde ich aber warten, bis das Dominion wieder abgezogen ist.“
„Glauben Sie mir, da drin gibt es mehr als Tapeten und Wandfarbe!“ stieß Prescott hervor.
Wie zur Bestätigung schleppten zwei Männer einen Wechselstromgenerator heraus. Eine alte Frau wollte die Gelegenheit nutzen, um zur Tür hinein zu schlüpfen, doch der größere der beiden Männer stieß sie grob beiseite, so dass sie stolperte und fiel.
Prescott gab seinen Leuten einen stummen Befehl. Sie bahnten sich einen Weg durch die Menschentraube – auch mehr oder weniger brutal – und bauten sich vor den Plünderern auf.
Einer von Prescotts Männern half der alten Frau und Prescott räusperte sich. „Darf ich Sie daran erinnern, dass es gegen die Gesetze der Erde und der Föderation ist, was Sie hier tun?“
Der große Mann stieß ein abgehaktes Lachen aus.
Prescott ärgerte sich über diese Respektlosigkeit – und auch darüber, dass ihm kein intelligenterer Spruch eingefallen war. Er besaß zwar Muskeln wie ein Stier, maß jedoch weniger als 1,70 Meter und war sich der traurigen Tatsache im Klaren, dass es Männer gab, die wesentlich einschüchternder wirkten, als er. Nichtsdestotrotz gab er sich Mühe, soviel Autorität wie möglich auszustrahlen. Er erlaubte sich ein spöttisches Lächeln, als er hinzufügte: „Und vor allem ist es gegen das neue Kriegsrecht! Also beweisen Sie Vernunft und bezahlen Sie das gute Stück morgen mit Ihrer Kreditkarte.“
Die Mienen der beiden Plünderer wurden zunehmend unfreundlicher. „Entschuldigen Sie bitte, Sir, aber wir leben nicht von Luft und Liebe!“ brauste der Kleinere auf. Das Wort „Sir“ zog er zwischen zusammengepressten Zähnen lang. „Hier funktioniert kein Replikator und nix mehr …“
„Die Erde betreibt wie jeder zivilisierte Planet Vorratswirtschaft für Notfälle wie diesen“, entgegnete Prescott ruhig. „Ich nehme an, Sie haben Ihre Ration schon bekommen …“
„Drei Konservendosen, zwei Kilo Nudeln, ein paar Brühwürfel und fünf Liter Wasser! Damit reicht man höchstens zwei Tage!“
„Bis dahin haben wir die Energieversorgung wieder hergestellt“, versicherte Prescott.
„Hoffen wir es“, warf der größere der beiden Plünderer dazwischen.
„Wir ziehen es vor, uns selbst zu helfen“, ergänzte der Kleinere.
„Für den Fall, dass wir – was ich für sehr unwahrscheinlich halte – die Energie bis morgen nicht wieder eingeschaltet kriegen, sind schon Raumschiffe von anderen Föderationswelten unterwegs, um zu helfen.“
„Wie ich schon sagte: Wir ziehen es vor, uns selbst zu helfen. Was wollen Sie also tun, Sir? Uns verhaften?“
„Wenn Sie Ihre Beute …“ Prescott zeigte auf den Generator. „… wieder dort hinbringen, wo sie hingehört, sehen wir davon ab.“
Die beiden Langfinger sahen sich ratlos an.
Ein Kreis von Schaulustigen hatte sich um sie versammelt, doch in diesem Moment drängten weitere Plünderer aus dem Gebäude – und das war wesentlich interessanter. Die Menschen, die leer ausgegangen waren, stürzten sich auf sie, es kam zu einem Handgemenge, die Sternenflottenoffiziere mussten eingreifen und ihnen blieb am Ende nichts weiter übrig, als ihre Kampfsportkünste einzusetzen oder allzu hemmungslose Subjekte mit Phasern zu betäuben. Lieutenant Beck richtete seine Waffe auf einen hünenhaften rothaarigen Kerl, der einen glatzköpfigen, hageren Bürovorsteher-Typen am Arm über den Boden schleifte, weil dieser versucht hatte, eine Packung Dilicium-Batterien aus seiner Jackentasche zu stehlen.
Beck hatte nicht mitbekommen, dass bei der allgemeinen Prügelei eine Zwei-Liter-Flasche Farbverdünnung zu Bruch gegangen war … dass bei 28°C Außentemperatur schnell explosive Dämpfe aufstiegen … Als der beißende Chemikalien-Geruch Prescott in die Nase stieg, war es bereits zu spät. „Nicht schießen! Stooop!“ brüllte er gegen den enormen Geräuschpegel an. „Beck, Waffe runter!“
Aber der gleißende Energiestrahl schnitt sich gelb und grell durch die Luft … und die Luft brannte. Ein orangeroter Feuerball fraß die Menschen um sich herum. Prescott hörte grässliche Schreie, während er sich reflexartig zu Boden warf und sein Gesicht mit den Händen schützte. Ein heißer Wind, der direkt aus der Hölle zu kommen schien, versengte seine Handflächen und sein Haar. „Beck?“ krächzte er, während seine Brust sich vor Angst zusammenzog. „Hargrove? Tyler?“ Er rief den Namen jedes Einzelnen seiner Offiziere. Dichter schwarzer Rauch brannte in seinen Augen und machte ihn praktisch blind. Er hörte, wie eine junge Frau aus seiner Truppe die Feuerwehr rief, und dachte daran, ihr bei Gelegenheit eine Belobigung auszusprechen. Ein ziemlich unpassender Gedanke in einem Moment, wo überall um ihn herum Verletzte stöhnten und schrieen … darunter womöglich seine eigenen Leute.

Er stolperte über etwas und erkannte mit Entsetzen, dass es eine verkohlte Leiche war. Ein trockenes Schluchzen würgte ihn. „Gott, wie konnte es dazu gekommen? Was haben wir nur getan …“ ratterte es pausenlos in seinem Kopf.
Dort lag ein Toter, den er auf dem Gewissen hatte. Oder eine Tote. Ob es ein Mann oder eine Frau war, konnte er nicht feststellen.
Die Feuerwehr und ein Team von Notärzten beamten augenblicklich zu Unglücksort. Ein Glück, dass die Raumstationen im Orbit eine eigene Energieversorgung besaßen!
Prescott und Beck ließen sich zitternd auf einer Blumenrabatte nieder. Beck hatte Brandblasen im Gesicht und Tränen in den Augen. Es dauerte ein oder zwei Minuten, bis sie sich soweit gefasst hatten, dass sie den Sanitätern zur Hand gehen konnte. Während sie wimmernde Brandopfer auf Tragen hoben, waren ihre Finger taub und steif.
„Was war das überhaupt für ein Teufelzeug, das da explodiert ist?“ krächzte Lieutenant Beck mit ungewöhnlich hoher, brüchiger Stimme.
„Keine Ahnung … irgendein Lösungsmittel“, antwortete Prescott lethargisch.
„Was, zur Hölle, wollten sie damit anfangen?“
„Es brennt gut.“ Der Sarkasmus in Prescotts Worten war fast so beißend wie der Rauch.
„Also heizen? Oder sich ihre eigene Gulaschkanone basteln?“
„Nehme ich an.“
„Warum haben Sie nicht einfach auf uns vertraut, diese Rindviecher! Wir hätten sie doch nicht verhungern lassen! Was haben die gedacht, verdammt noch mal?!“
„Es sind Amerikaner. Sie halten Eigeninitiative für eine Tugend“, erwiderte Prescott düster. „Immer noch … obwohl es fünfhundert Jahre her ist, dass sie die Indianer abgeknallt und sich das Land untertan gemacht haben.“
Sie sahen dem Notarzt-Shuttle nach, das mit den Schwerverletzten an Bord in den rauchverschleierten Himmel aufstieg. Die Leichtverletzten wurden an Ort und Stelle behandelt. Eine Frau kniete auf dem Straßenpflaster und wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Prescott legte eine Decke um ihre Schultern und versuchte, sie zu trösten – doch sie schlug seine Hand weg und funkelte ihn wütend an. Ihr Blick drückte pure Verachtung aus.
„Das habe ich wohl verdient“, dachte Prescott, als er rückwärts taumelte.

2. Captain Lairis’ Alptraum

Captain Lairis Ilana kniete am Rand einer tiefen Schlucht und blickte in das angstverzerrte Gesicht eines Jungen, der sich mit letzter Kraft an einen Felsvorsprung klammerte. Es war ein Mensch, höchstens achtzehn Jahre alt, mit asiatischen Gesichtszügen. Seine Füße baumelten über einem gähnenden Abgrund. Der Nebel am Grund der Schlucht verhüllte ihre wahre Tiefe.
„Ganz ruhig, Kadett, zappeln Sie nicht so rum! Nehmen Sie meine Hand …“
„Lassen Sie mich nicht fallen, Captain! Bitte …“
„Natürlich nicht!“ Lairis schüttelte heftig den Kopf. „Los, nehmen Sie meine Hand! Suchen Sie mit den Füßen nach einer Spalte im Fels, wo Sie sich abstützen können!“
„Ich kann nicht“, wimmerte der Junge.
„Sie müssen! Ja, ich weiß, Sie haben Angst – aber ich kriege Sie nicht hochgezogen, wenn Sie nicht ein bisschen mithelfen! Ich bin nur eine Frau und kein Kran, verdammt!“
Der Junge kniff die Augen zu. Seine Finger lösten sich zögerlich vom steinigen Untergrund.
„Na bitte, es geht doch! Sie machen das ganz hervorragend!“ ermunterte in Lairis.
Als sie seine Hand ergreifen wollte, lächelte er mit geschlossenen Augen. Sein Arm verwandelte sich in einen Tentakel aus schimmerndem braunem Gallert, der sich um Lairis wickelte und sie in die Tiefe riss. Sie schrie, als sie in den Abgrund stürzte und sich dabei mehrmals überschlug. Die Nebel teilten sich und aus dem Boden der Schlucht fuhren plötzlich ein Dutzend blitzblanke Metallspitzen … wie in einem makaberen Jump-and-Run-Holo. Doch anders als die Helden in diesen Spielen hatte Captain Lairis Ilana nicht die geringste Chance, sich zu retten. Wenn sie nicht beim Aufprall starb, würden die Metallspieße sie töten und ihr zumindest unvorstellbare Schmerzen zufügen …
In diesem Augenblick wich die bizarre Szene einer weißen Wand. Lairis blinzelte ein paar Mal, weil sie sich an das helle Licht gewöhnen musste.
„Captain! Bin ich froh, dass Sie aufgewacht sind!“ Ein wabernder schwarzer Fleck, der sich in das markante dunkle Gesicht eines Sternenflottenarztes verwandelte. „Geht es Ihnen nicht gut?“ Eine warme, besorgte männliche Stimme, die gut geeignet war, Vertrauen einzuflößen.
Aber Captain Lairis reagierte nicht. Sie hob mit angehaltenem Atem ihre Hand und war offensichtlich erleichtert, dass die Haut glatt und unverletzt war. Ihre Herz und Hirnströme beruhigten sich allmählich. Lairis strich ihre langen, kastanienbraunen Haare aus dem Gesicht und richtet sich unbeholfen auf. „Nein, alles in Ordnung … Doktor …?“
„Ron Tygins. Ich übernehme Ihre medizinische Betreuung, bis ich auf die LAKOTA zurückbeordert werde.“
Lairis nickte nur.
„Ich bin gar nicht so überzeugt, dass es Ihnen gut geht“, erklärte Tygins offen.
Lairis schüttelte den Kopf. „Es war nichts … nur ein Alptraum.“
„Kein Wunder, was Sie erlebt haben, war traumatisch.“ Mitfühlend strich Doktor Tygins über die Schulter seiner Patientin. Er wusste nicht viel über die Krankheit, mit der die Wechselbälger Captain Lairis infiziert hatten … nur, dass sie extrem schmerzhaft verlief.
„Ich frage mich, weshalb ich Raymond als Wechselbalg gesehen habe …“ Lairis fing den fragenden Blick des Doktors auf und schilderte ihren Traum.
„Raymond? Sie meinen den Sohn dieses Captains, der in Antwerpen getötet wurde? Wer weiß, vielleicht geben Sie ihm unterschwellig die Schuld an dem, was Ihnen widerfahren ist …“
„Wie kommen sie darauf?“ hakte die Bajoranerin unwirsch nach.
„Ihr Ingenieur sagte, Raymond hätte Sie angerufen, kurz bevor Sie … verschwunden sind.“
„Die Sternenflotte hatte gerade sein Haus auf den Kopf gestellt. Er hat mich angerufen, weil er mir vertraut und weil er dachte, ich würde einen Sinn dahinter erkennen.“
„Was haben sie gesucht?“ fragte Tygins mit einem Stirnrunzeln.
„Eine Sicherheitsbox, die Raymonds Vater gehört hat.“
„Ich schätze mal, da waren irgendwelche Geheimdokumente drin …“
Lairis zuckte die Schultern. „Diese Formwandler haben mich und Raymond entführt, weil sie dachten, ich wüsste es.“
„Aber Sie wussten gar nichts?“
„Nein“, erwiderte Lairis nach einer kleinen Pause. Ihr Gefühl sagte ihr zwar, dass sie Tygins vertrauen konnte, aber ihr Verstand riet ihr, nicht zu viel zu erzählen. Diese Sicherheitsbox durfte auf keinen Fall in fasche Hände geraten – und „falsche Hände“ vermutete sie auch unter den Kumpanen Laytons. Ihre Ideen, wo die Box versteckt sein könnte, hatte sie für sich behalten – trotz aller Qualen, die die Wechselbälger ihr zugefügt hatten.
„Ich nehme an, ich bin im Krankenhaus …“ Sie sah sie gründlich um. „Und ich habe sogar ein Einzelzimmer – welch ein Service!“
„Sie sind in einem Krankenhaus der Sternenflotte, ja.“
„Wie lange war ich weg?“ Lairis richtete einen fragenden Blick aus großen, braun-grünen Augen auf den dunkelhäutigen Arzt.
„Zwei Tage.“
„Du lieber Himmel!“ stöhnte die Bajoranerin.
„Nun ja, Captain, Sie waren ziemlich schwer krank …“
„Wie geht es Kadett Kitamura?“
„Bestens. Ein Counselor kümmert sich um ihn.“ Tygins musterte seine Patientin aus den Augenwinkeln. „Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, Captain, aber ich rate Ihnen auch, einen aufzusuchen, wenn Ihre Alpträume schlimmer werden.“
„Danke, kein Interesse“, erwiderte sie freundlich, aber bestimmt. „Ich habe es überlebt, es ist vorbei und ich möchte nicht darüber reden.“
Tygins überlegte, ob er Lairis erzählen sollte, dass die globale Energieversorgung durch Formwandler sabotiert worden war, entschied sich jedoch, die Bajoranerin in ihrem geschwächten Zustand nicht mit derart schlimmen Nachrichten zu erschrecken. „Captain, Ihre Tochter wartet auf Sie“, verkündete er stattdessen.
Zum ersten Mal seit ihrem Erwachen lächelte Captain Lairis.
Tygins drehte sich noch einmal um, bevor der den Raum verließ. „Ach ja, Captain … alles, was Ihre Krankheit betrifft, unterliegt strengster Geheimhaltung. Das ist übrigens auch der Grund für Ihr Einzelzimmer. Wir wollen schließlich vermeiden, dass eine Panik ausbricht.“
„Verstanden“, erwiderte Lairis. „Ich behalte meine faszinierende Krankengeschichte für mich.“
Ein kleines Lächeln erschien auf dem Gesicht des Doktors. „Ist noch jemand eingeweiht?“
„Mein Chefingenieur und mein Erster Offizier. Und meine Tochter wahrscheinlich.“ Lairis hob die Augenbrauen und scherzte: „Sie werden sie doch nicht eliminieren, oder?“
„Wenn sie den Mund halten, nicht.“
„Interessant, jemandem zu begegnen, dessen Humor noch schwärzer ist, als meiner.“
Der Doktor lächelte immer noch, aber seine Augen waren ernst.
Kaum war er gegangen, schlüpfte Julianna Lairis hinein. Es war offensichtlich, dass sie etwas hinter ihrem Rücken versteckt hielt.
„Komm her, Kleines“, rief Lairis Ilana und umarmte ihre Tochter.
„Ich hab dir was mitgebracht, Mom!“
„Hoffentlich keinen Blumenstrauß!“
Julianna zog einen Schmollmund. „Wofür hältst du mich! Ich weiß, du hasst tote Pflanzen.“
„Ich fürchte, Jerad wäre so dämlich, mir welche zu bringen“, murrte die Bajoranerin.
„Möglich wär’s“, erwiderte Julianna unverblümt.
Jerad war Lairis Ilanas Erster Offizier und heimlicher Geliebter. Er hatte sich eine geschlagene Viertelstunde mit einem Wechselbalg in ihrer Gestalt unterhalten und keinerlei Verdacht geschöpft. So zweifelte Lairis mittlerweile an der Tiefe dieser Beziehung.
„Hat er mich besucht?“ fragte sie betont beiläufig.
„Er hat stundenlang an deinem Bett gewacht, als du aus dem OP gekommen bist!“
„Ist das dein Ernst?“
„Klar.“ Julianna nickte. „Die Frage ist, ob er sich noch mal blicken lässt, wenn er weiß, dass du aufgewacht bist.“
„Das wird er wohl nicht wagen.“ Lairis wechselte lieber das Thema: „Also, was hast du mir mitgebracht, Schätzchen?“
Julianna gab ihr ein Päckchen, das sie neugierig öffnete. Zwei altertümlich aufgemachte Papierbände kamen zum Vorschein. Lairis strahlte und fiel ihrer Tochter erneut um den Hals. „Zwei Rana-Tel Comics, die ich noch nicht kenne! Ich danke dir! Wo hast du die her, Kleines?“
„Übers bajoranische Datennetz bestellt. Ich wollte sie dir eigentlich zum Geburtstag schenken, aber … naja … ich schätze, dass du noch ein paar Tage hier … ähm … verweilen musst. Und wenn du was zu lesen hast, bleibst du wenigstens im Bett.“ Das Mädchen grinste.
„Wirklich clever!“ Lairis wusste nicht, ob ärgerlich oder gerührt sein sollte. Sie entschied sich für letzteres und blätterte fasziniert in einem der dicken, mit kunstvollen Federzeichnungen illustrierten Bände.
„’Rana Tel und das Geheimnis der Feuerhöhlen’ schließt genau an den Band an, den du als Letztes gelesen hast“, erklärte Julianna eifrig. „’Rana Tel und der Schatten des achten Mondes’ bringt dann die Pah-Geister-Handlung zum Ende. Du weißt doch, Rana Tels Freundin Tira Mar ist von einem Pah-Geist übernommen worden … Tja, nun bietet sie Rana ihre Hilfe an und er überlegt ernsthaft, ob er sich der Kräfte des Bösen bedienen soll, um seinem Volk im Kampf gegen die Cardies zu helfen …“
„Und? Tut er es?“
„Ja, aber das geht nicht gut. So viel kann ich dir schon mal verraten.“
„Vielleicht sollte ich dieses Buch einfach nehmen und Layton auf den Tisch packen – natürlich erst, nachdem ich es selbst gelesen habe.“
„Admiral Layton? Ich bezweifle, dass er Bajoranisch lesen kann.“
„Gibt es eine Übersetzung?“
„Soviel ich weiß, nicht.“
„Schade.“
„Der Zweck, der die Mittel heiligt, wird von den Mitteln überwältigt“, zitierte Julianna mit nachdenklichem Blick.
„Aha, von wem stammt diese Weisheit? Sarek von Vulkan?“
„Hannah Arendt von der Erde.“ Julianna grinste. „Du solltest wirklich mehr Bücher lesen, Mom.“
„Und wer kämpft dann gegen die bösen Formwandler?“
„Die werden doch auch mal Pause machen, oder?“
Pause? Von wegen! Lairis Ilanas Miene verfinsterte sich. Schlimme Erinnerungen drohten sie zu überwältigen … Captain Kitamuras Sohn, wie er an einen Betonpfeiler gefesselt war und ein Hypospray mit tödlichen Viren sich an seiner Halsschlagader entleerte … hässliche, rote Platzwunden auf ihrem ganzen Körper … Schmerzen, von denen ihr fast übel wurde … tödliche Metallspieße am Boden einer Felsschlucht …
„Alles okay? Du siehst aus, als würdest du gleich umkippen!“ bemerkte Julianna entsetzt.
„Nein, keine Angst.“ Das Lächeln wollte ihr diesmal nicht so recht gelingen.
„Ich gehe bestimmt nie zur Sternenflotte“, seufzte ihre Tochter.
„Ach, meistens macht der Job sogar Spaß.“
Julianna setzte sich auf die Bettkante und legte einen Arm um ihre Mutter. „Ich bin jedenfalls echt froh, dass du dich von dieser fiesen Krankheit so gut erholt hast …“
Doktor Tygins’ Worte kamen Lairis in den Sinn. „Es ist besser, du erzählst niemandem, dass es ein Virus war. Unbekannte Krankheiten machen die Menschen viel zu nervös.“
Julianna nickte. „Besonders, da niemand den Planeten verlassen darf. Wenn die Leute auch noch Angst haben müssen, dass eine Epidemie ausbricht, drehen sie durch.“
„Was?“ Lairis warf ihrer Tochter einen scharfen Blick zu.
Das Mädchen presste beide Hände auf den Mund. Ihre Augen wurden riesengroß. „Stimmt, das hast du ja gar nicht mitgekriegt! Oh Sch…“
„Was?“ wiederholte Lairis, diesmal noch eine Spur schärfer. „Wieso darf niemand den Planeten verlassen?“
„Weil die Erde unter Ausnahmezustand steht“, antwortete Julianna kleinlaut. „Die Energie ist plötzlich auf dem ganzen Planeten ausgefallen, wahrscheinlich durch Sabotage …“
Lairis atmete heftig ein und aus. „Als wir aus diesem schneckenverseuchten Park gekommen sind und die Lichter der nächsten Stadt nicht sehen konnten, ahnte ich schon, dass etwas nicht stimmt …“
„Was hast du daraufhin gemacht?“ fragte Julianna angespannt.
„Ich bin ohnmächtig geworden“, antwortete sie. Auf Juliannas erschrockenen Blick hin verzog sie ihren Mund zu einem schiefen Lächeln. „Weil ich auf eine Nacktschnecke getreten bin.“
Ihre Tochter kicherte unbeherrscht los und Lairis fiel in ihr Lachen ein. Für ein paar kostbare Sekunden dachte sie nicht an das Dominion, den Ausnahmezustand oder ihren merkwürdigen Traum.

TO BE CONTINUED ….

© 2007/08 by Adriana Wipperling

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