{"id":1687,"date":"2025-05-12T10:43:25","date_gmt":"2025-05-12T10:43:25","guid":{"rendered":"http:\/\/st-defender.de\/?p=1687"},"modified":"2025-05-12T13:04:53","modified_gmt":"2025-05-12T13:04:53","slug":"das-stammeszeichen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/st-defender.de\/?p=1687","title":{"rendered":"Das Stammeszeichen"},"content":{"rendered":"\n<h6><em>Die Voyager ist endlich heimgekehrt \u2013 doch Chakotay f\u00fchlt sich ungl\u00fccklich und rastlos. Ein vulkanischer Wahrtr\u00e4umer und ein H\u00e4uptling der Lakota zeigen ihm, dass er bisher falsch gelebt hat \u2026<\/em><\/h6>\n\n\n\n<p><strong>Star Trek Kurzgeschichte von Anneliese Wipperling<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der st\u00e4mmige dunkelhaarige Mann mit der markanten T\u00e4towierung an der Schl\u00e4fe sa\u00df in entspannter Haltung auf einer Parkbank und beobachtete nachdenklich die bunte, hin und her wogende Menge. Selbst aus Sicht einer offenen Gesellschaft wie der F\u00f6deration schoben sich diesmal durch den Park des galaktischen Friedens von Kansas City \u00e4u\u00dferst seltsamen Figuren: ernsthafte Lakota im Schmuck ihrer Adlerfedern, halb nackte schwarze M\u00e4nner und Frauen mit Ziernarben, Andorianer deren k\u00fcnstlich in die L\u00e4nge gezogene F\u00fchler bis auf die Schulter herabhingen, mit Silberschmuck beh\u00e4ngte schwarze Vulkanier in der typischen hellen losen Kleidung von W\u00fcstenbewohnern \u2026 kleinw\u00fcchsige Bajoraner, an deren beiden Ohren glitzernde Miniaturdrehk\u00f6rper baumelten \u2026 und diverse merkw\u00fcrdige Wesen, die der Mann beim besten Willen nicht einordnen konnte. Alle waren bunt gekleidet, bemalt, geschm\u00fcckt, laut, fr\u00f6hlich und selbstbewusst.<br>\u201eWas ist hier eigentlich los?\u201c fragte er ein dunkelh\u00e4utiges Kind mit einem riesigen goldenen Ring in der Nasenscheidewand, den es vermutlich mit einer Hand hochklappen musste, um sich mit der anderen das Essen in den Mund schieben zu k\u00f6nnen.<br>\u201eHier findet ein Fest der indigenen V\u00f6lker der F\u00f6deration statt\u201c, erkl\u00e4rte ein ungew\u00f6hnlich dunkelh\u00e4utiger Lakotah\u00e4uptling mit scharf geschnittenem Gesicht anstelle des Kindes w\u00fcrdevoll. \u201eLange Zeit hie\u00df es, dass unsere Mitbestimmung gesichert w\u00e4re. Mein dunkler Bruder Madras und der gro\u00dfe Andal vom Planeten Vulkan haben uns jedoch gezeigt, dass wir mit dem bisher Erreichten nicht zufrieden sein d\u00fcrfen, dass wir uns st\u00e4rker als bisher einmischen m\u00fcssen. Unsere Werte sind zu wichtig f\u00fcr die Vielen, um l\u00e4nger ein unbeachtetes Schattendasein in gesch\u00fctzten R\u00e4umen zu fristen.\u201c<br>Der kr\u00e4ftige Mann mit der T\u00e4towierung sah seinem Gegen\u00fcber k\u00fchl in die Augen. \u201eVulkan hat sich nach dem Dominionkrieg sehr ver\u00e4ndert. Aber das ist eine interne Angelegenheit der Vulkanier. Offenbar wurde das Volk der Turuska tats\u00e4chlich lange Zeit diskriminiert, obwohl die Gesetze der F\u00f6deration so etwas strikt verbieten. Bei uns Menschen gibt es solche Probleme nicht mehr.\u201d<br>\u201eDu tr\u00e4gst ein Stammeszeichen\u201d, entgegnete der Indianer ruhig. \u201eDu w\u00fcrdest es nicht benutzen, wenn es dir nicht wichtig w\u00e4re. Ich bin Aaron Black Horse. Ich k\u00f6nnte dich mit interessanten Leuten zusammenbringen, damit du dir selbst ein Bild machen kannst \u2026\u201d<br>\u201eChakotay, Captain der U.S.S. VOYAGER. Ich trage dieses Zeichen nur zu Ehren meines Vaters. Ich habe nicht vor, irgendwann im Busch zu leben \u2026\u201c<br>\u201eSchade, Chakotay von der U.S.S. VOYAGER!\u201c konterte der Indianer ernst und ging mit weit ausgreifenden Schritten weiter. Dem Captain der Sternenflotte fiel auf, dass er wie ein Raubtier des Graslandes mit den Zehen zuerst auftrat.<br>\u201eSchon wieder so ein verdammter Apfel\u201c, murmelte eine alte Frau in Lederkleidung abf\u00e4llig. \u201eDie sollten sich wie dieser l\u00e4cherliche Popstar aus dem zwanzigsten Jahrhundert die Haut bleichen lassen \u2026 das w\u00e4re wenigstens ehrlich.\u201c<br>Chakotay f\u00fchlte sich, als h\u00e4tte ihn die Frau in aller \u00c3\u2013ffentlichkeit mitten ins Gesicht geschlagen \u2026 und nur seine guten Manieren und seine angeborene Zur\u00fcckhaltung hinderten ihn an einer scharfen Antwort. Er wollte gerade aufstehen und zur Schwebebahn gehen, als die bunte Menge pl\u00f6tzlich in Aufruhr geriet.<br>\u201eDie Ah\u2019Maral vom Planeten Vulkan! Macht Platz f\u00fcr die Krieger!\u201c<br>\u201eMacht Platz f\u00fcr Madras!\u201c<br>\u201eDer Premierminister von Vulkan!\u201c<br>\u201eMacht Platz f\u00fcr den K\u00e4mpfer gegen das Dominion!\u201c<br>\u201eLanges Leben und Erfolg!\u201c<br>\u201eJa! Lang lebe Madras!\u201c<br>Chakotay kannte den neuen Regierungschef Vulkans aus den Medien. Dennoch \u00fcberlief ihn ein Schauer, als er den hoch gewachsenen schwarzen Vulkanier und seinen noch gr\u00f6\u00dferen und kr\u00e4ftigeren Begleiter n\u00e4her kommen sah. Die machtvolle Aura der beiden in schwarze enge Kniehosen und lange wei\u00dfe M\u00e4ntel gekleideten M\u00e4nner vibrierte unangenehm in seinen Nervenbahnen und blendete ihn mit ihrem reinen hellen Glanz. \u201eWas haben die mit mir vor?\u201c fragte er sich schockiert als die Turuska sich mit einer flie\u00dfenden synchronen Bewegung zu ihm umdrehten und ihn ungef\u00e4hr eine Minute lang schweigend musterten. Chakotay f\u00fchlte sich, als w\u00fcrden ihn schwere Fesseln an die simple h\u00f6lzerne Parkbank pressen. Er konnte sich nicht mehr r\u00fchren, ein schier unwiderstehlicher Sog zwang ihn, die beiden Vulkanier starr anzusehen \u2026 die Augen von Madras leuchteten in dem schwarzen makellosen Gesicht tief und k\u00fchl wie zwei Bergseen \u2026 klar, gr\u00fcn und geheimnisvoll. Der gr\u00f6\u00dfere Mann hatte schmale scharfe schwarze Augen, eine riesige krumme Nase und einen gro\u00dfen herben Mund. Ein am\u00fcsiertes L\u00e4cheln zuckte um seine Mundwinkel. Vor dem Krieg h\u00e4tte das kein Vulkanier in aller \u00c3\u2013ffentlichkeit gewagt!<br>\u201eMadras! Madras! Madras!\u201c skandierte die begeisterte Menge wieder. Die M\u00e4nner wandten sich abrupt ab und gingen weiter in Richtung Festzelt. Chakotay blieb verwirrt sitzen. Sein Verh\u00e4ltnis zu den Vulkaniern war nicht erst seit Kathryns Hochzeit gest\u00f6rt \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>* * *<\/p>\n\n\n\n<p>Kathryns Hochzeit! Sie hatte ihn nat\u00fcrlich eingeladen aber er hatte es beim besten Willen nicht \u00fcber sich gebracht, hinzugehen. Dazu war seine Beziehung zu Seven viel zu fragil, von vorn herein dadurch belastet, dass die sch\u00f6ne Kriegerin \u2026 so lange sie sich mit Hologrammen begn\u00fcgt hatte, konnte er sich einreden, dass sie f\u00fcr keinen ihrer Untergebenen erreichbar war aber nun \u2026 ausgerechnet Tuvok!<br>\u201eWenn du nur ein kleines bisschen hartn\u00e4ckiger gewesen w\u00e4rst \u2026\u201c fl\u00fcsterte eine hinterh\u00e4ltige innere Stimme beharrlich. \u201eWenn du nicht so schnell aufgegeben h\u00e4ttest, w\u00fcrde deine Kathryn jetzt nicht mitten in der s\u00fcdlichen W\u00fcste Vulkans hocken und irgendwelchen archaischen Stammeskriegern moderne Sternenflottenstrategie beibringen. Dann s\u00e4\u00dfe sie immer noch in ihrem sch\u00f6nen B\u00fcro im Hauptquartier und du \u2026\u201c<br>\u201eSei still!\u201c knurrte Chakotay die gemeine Stimme wie immer zornig an. \u201eIch bin verheiratet und Kathryn Janeway ist verheiratet. Also gib endlich Ruhe!\u201c<br>\u201eUnd warum bist du nicht zu ihrer Hochzeit gegangen?\u201c<br>\u201eIch hatte keine Lust \u2026\u201c<br>\u201eDu wolltest den neuen Tuvok nicht kennen lernen \u2026 den Tuvok, der ein Turuska geworden ist und sich angeblich zu seinen Gef\u00fchlen bekennt \u2026 den Tuvok, der jetzt zum Hause Kinsai geh\u00f6rt und mit Madras verwandt ist \u2026 der sein Sch\u00fcler ist und bei ihm die geheimen K\u00fcnste der Ah\u2019Maral studiert \u2026\u201c<br>\u201eHalt die Klappe!\u201c Seit Chakotay mit dieser \u00e4u\u00dferst l\u00e4stigen Stimme k\u00e4mpfen musste, konnte er ziemlich vulg\u00e4r werden. \u201eIch geh\u00f6re zu Seven und das Liebesleben meines ehemaligen Captains geht mich nichts an! Und dich auch nicht \u2026\u201c<br>Ein boshaftes Kichern war die Antwort. \u201eUnd warum bist du dann so selten zu Hause? Warum treibst du dich, wenn du auf der Erde bist, lieber auf Jahrm\u00e4rkten herum statt bei deiner Frau zu sein? Warum vermeidest du die Einsamkeit? Warum hast du so lange nicht mit deinem tierischen Berater gesprochen? Dein ganzes Leben ist eine L\u00fcge!\u201c<br>\u201eDu ekelhafter Dummschw\u00e4tzer! Du \u2026 du \u2026\u201d Chakotay fehlten die Worte. Wenn es m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte er den Mahner in seinem Inneren mit blo\u00dfen H\u00e4nden erw\u00fcrgt. \u201eDu wei\u00dft genau, was dieses glitschige Tier das letzte Mal gesagt hat: \u00e2\u20ac\u0161Nimm dein Bett und geh endlich nach Hause \u2026 und dann zeigte er mir eine gr\u00fcnliche Pf\u00fctze mitten im Urwald, M\u00fcckenschw\u00e4rme tanzten dar\u00fcber und eine Art Reiher sah mich verfressen an. Ich bin es leid, mir die Weisheiten eines Wasserfroschs anzuh\u00f6ren \u2026\u201d<br>\u201eDann verschenk doch deinen albernen kleinen Apparat und werde mit deiner kalten Borgfrau gl\u00fccklich!\u201d konterte die innere Stimme schnippisch und verstummte abrupt.<br>Eine machtvolle Pr\u00e4senz zwang Chakotay zur\u00fcck in die Realit\u00e4t. Neben ihm sa\u00df der riesige Begleiter des vulkanischen Premierministers und musterte ihn nachdenklich. \u201eDu bist nicht mehr der, von dem Kathryn so gern erz\u00e4hlt \u2026 du denkst allerlei Mist und dein Nehau wirkt ein bisschen schmuddelig.\u201c<br>\u201eDas d\u00fcrfen Sie nicht \u2026 in meinen Kopf \u2026 Sie \u2026 mein Privatleben \u2026\u201c<br>\u201eIch kann nichts daf\u00fcr, dass die Entropie in deinem Geist so laut br\u00fcllt, dass man sie unm\u00f6glich ignorieren kann \u2026 eigentlich m\u00f6chte ich nur helfen.\u201c<br>Erst der Lakotah\u00e4uptling und nun dieser archaische Riese von Vulkan! \u201eWoher wollen Sie wissen, was gut f\u00fcr mich ist? Sie kennen mich doch gar nicht.\u201c<br>\u201eIch k\u00f6nnte f\u00fcr dich tr\u00e4umen, Chakotay von der U.S.S. VOYAGER. Komm morgen um die gleiche Zeit wieder hierher. Dann sage ich dir, wohin du dein Bett tragen musst.\u201c Jetzt grinste der Riese ironisch. \u201eIch bin der Wahrtr\u00e4umer Piri aus dem Hause Tureg. Ich kann im Schlaf deine Zeitlinie verbiegen und sehen, was kommen wird.\u201c<br>Der Mann mit der T\u00e4towierung starrte sein Gegen\u00fcber skeptisch an.<br>\u201eDu h\u00e4ltst mich f\u00fcr einen Scharlatan \u2026\u201c las der Riese laut seine Gedanken. \u201eDu kannst nat\u00fcrlich wie bisher weitermachen \u2026 dein Leben und das von Seven of Nine ruinieren. Oder glaubst du etwa, dass du sie mit deiner aufgesetzten Freundlichkeit t\u00e4uschen kannst? Frauen sp\u00fcren es, wenn das Katra ihres Bindungspartners das falsche Lied singt.\u201c<br>\u201eIch will Seven nicht ungl\u00fccklich machen \u2026\u201c<br>\u201eDann entscheide dich endlich und lass sie ihren eigenen Weg finden.\u201c<br>\u201eAn meiner Seite?\u201c<br>\u201eDas wei\u00df ich erst morgen\u201c, antwortete Piri gelassen, stand auf und verlor sich in der fr\u00f6hlichen Menge.<br>\u201eNoch so ein schlauer Ratgeber!\u201d murmelte Chakotay unzufrieden. \u201eNur, dass es diesmal kein Frosch ist, sondern ein verfluchter Schamane von Vulkan \u2026\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>* * *<\/p>\n\n\n\n<p>Seven regenerierte bereits seit drei Stunden, w\u00e4hrend Chakotay sich schlaflos von einer Seite auf die andere w\u00e4lzte.<br>\u201eDa siehst du, dass sie keine richtige Frau ist\u201c, fl\u00fcsterte die kleine gemeine Stimme in ihm. \u201eEine richtige Frau w\u00fcrde jetzt neben dir im Bett liegen. Du k\u00f6nntest dich im Schlaf an sie kuscheln und morgen fr\u00fch neben ihr aufwachen. Aber ein Borg-Alkoven! Eigentlich ist das ziemlich gruselig \u2026 schon diese giftgr\u00fcnen Entladungen!\u201c<br>\u201eIch wusste vor der Hochzeit, dass sie Borg ist\u201d, konterte Chakotay m\u00fcde. \u201eAu\u00dferdem ist sie tapfer, wundersch\u00f6n und sehr intelligent \u2026\u201d<br>\u201eEffizient, wolltest du wohl sagen!\u201c<br>\u201eNein!\u201c schrie der Captain der VOYAGER in die dunkle Einsamkeit. \u201eNein! Du machst mich nicht zum Schwein! Ich liebe Seven!\u201c<br>\u201eUnd was ist mit Kathy? Wahrscheinlich hat sie der Vulkanier gerade beim Wickel und du traust dich nat\u00fcrlich nicht \u2026\u201c<br>\u201eEs war ihre eigene Entscheidung und ich muss sie respektieren!\u201c<br>\u201eNein, eine Menge Leute haben gekuppelt, sonst w\u00e4re es mit den Beiden nie etwas geworden. Dir hat niemand geholfen \u2026 wenn du die richtigen Freunde gehabt h\u00e4ttest \u2026\u201c<br>Die Stimme verstummte und Chakotay stellte sich vor, wie viele dunkle Vulkanierh\u00e4nde Admiral Janeway und Tuvok aufeinander zu schoben \u2026 wie die gr\u00fcnen Zauberaugen des geheimnisvollen schwarzen Premierministers zwischen seinem ehemaligen Untergebenen und Kathy hin und her wanderten, ein Band aus reiner mentaler Energie woben und sie brutal aneinander ketteten. Auf einmal war ihm ganz \u00fcbel vor Hass und Entt\u00e4uschung.<br>\u201eMadras wusste genau, wen er vor sich hatte\u201c, begann die leise innere Stimme wieder zu sticheln. \u201eNur deshalb hat er diesen Piri zu dir geschickt, damit er dich mit sch\u00f6nen M\u00e4rchen \u00fcber eine gl\u00fcckliche Zukunft mit Seven beruhigt!\u201c<br>Endlich hatte der Captain der VOYAGER den unanst\u00e4ndigen Teil seines Ichs bei einer L\u00fcge ertappt! \u201eDas stimmt so nicht. Piri macht sich gro\u00dfe Sorgen um das Wohlergehen von Seven \u2026 er denkt, dass ich sie nicht genug liebe.\u201c<br>\u201eUnd? Ist das so? H\u00e4ttest du nicht viel lieber \u2026\u201c<br>\u201eKathryn?\u201c<br>\u201eEs stimmt doch, dass du sie nicht mehr aus deinem Kopf bekommst seit sie mit Tuvok zusammen ist. Du denkst, dass der Vulkanier nicht zu ihr passt \u2026 genauso wenig wie Seven zu dir. Vielleicht solltet ihr einfach \u2026\u201c<br>\u201eTauschen? Du verfluchter Dreckskerl!\u201c<br>Die innere Stimme kicherte aufs\u00e4ssig. \u201eDie effiziente Seven w\u00fcrde viel besser zu einem Vulkanier passen \u2026 sie ist genauso kontrolliert und kalt.\u201c<br>Pl\u00f6tzlich musste Chakotay an die gro\u00dfen blauen Augen seiner Frau denken \u2013 an die geradezu herzzerrei\u00dfende Unschuld und Verletzlichkeit, die sich zuweilen in ihnen spiegelte \u2013 und er sch\u00e4mte sich entsetzlich. Nur ein gef\u00fchlloser Barbar war imstande, so einer Frau wehzutun \u2026 nur eine eiskalte v\u00f6llig gewissenlose Bestie! \u201eNein!\u201c entschied er. \u201eIch darf diesem Misthund da drin nicht die Initiative \u00fcberlassen! Allerdings wei\u00df ich beim besten Willen nicht, was richtig ist und da der Frosch nur unverst\u00e4ndliches Zeug von sich gibt, muss ich mich wohl doch auf diesen eigenartigen W\u00fcstenschamanen einlassen \u2026\u201c<br>Seven regenerierte immer noch als der von Zweifeln und Schuldgef\u00fchlen gepeinigte Captain der U.S.S. VOYAGER endlich einschlief. Im Traum stand er vor einem sandfarbenen Zelt in der W\u00fcste. Es war Nacht, fremde Sterne glitzerten am Himmel und der weiche gelbliche Schimmer einer Lampe warf die Schatten eines Mannes und einer Frau auf die Plane. Als er sah, dass sie sich umarmten, begann er trocken zu schluchzen.<\/p>\n\n\n\n<p>* * *<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFrieden und langes Leben, Captain Chakotay von der U.S.S. VOYAGER!\u201c Der wartende Piri erhob sich mit einer f\u00fcr so einen Riesen ungew\u00f6hnlich geschmeidigen Bewegung und streckte ihm nach Menschenart die Hand entgegen. \u201eEs ist gut, dass du dich f\u00fcr meine Fr\u00fcchte der Nacht interessierst \u2026\u201c<br>\u201eGuten Morgen!\u201c antwortete dieser reserviert. \u201eWarum duzen Sie mich eigentlich so beharrlich? Ich finde das ziemlich irritierend!\u201c<br>Der Wahrtr\u00e4umer l\u00e4chelte freundlich. \u201eUm f\u00fcr jemanden tr\u00e4umen zu k\u00f6nnen, muss ich sehr tief in sein Katra eintauchen und das gesamte Spektrum seines Nehau aufnehmen. Du bist mir momentan n\u00e4her als manche Verwandte. Ich verstehe dich wie einen Bruder.\u201d<br>Darauf wusste Chakotay keine Antwort \u2026 aber ein Teil von ihm akzeptierte, dass der Tr\u00e4umer so auf ihn reagierte. \u201eKonntest du meinen Weg erkennen?\u201d fragte er vorsichtig. \u201eMuss ich tats\u00e4chlich Seven verlassen und \u2026\u201d<br>\u201eNein\u201c, unterbrach ihn der Vulkanier sanft. \u201eSo einfach ist das nicht. Die Tr\u00e4ume sprechen nicht auf diese schlichte Weise zu uns. Man muss sich auf die Ursprache aller denkenden und f\u00fchlenden Lebewesen einlassen und ihre geheimen Metaphern entschl\u00fcsseln. Ich kann dir nur sagen, was ich gesehen und geh\u00f6rt, gef\u00fchlt und geschmeckt habe \u2026\u201c<br>\u201eBitte \u2026\u201c fl\u00fcsterte der Mensch mit dem Stammeszeichen an der Schl\u00e4fe dem\u00fctig.<br>\u201eDu warst einer jener d\u00fcrren wurzellosen B\u00fcsche, die es in manchen W\u00fcsten der Erde gibt. Der Wind spielt mit ihnen \u2026 treibt sie vor sich her \u2026 wirbelt sie in die H\u00f6he \u2026 f\u00e4ngt sie wieder auf \u2026 sie kommen weit herum.\u201c<br>\u201eWenn das eine Anspielung auf meine Karriere bei der Sternenflotte sein soll \u2026 ich habe Wurzeln! Die VOYAGER ist mein Zuhause.\u201c<br>\u201eOffenbar doch nicht\u201c, konterte Piri ruhig. \u201eIch sah dich durch die G\u00e4nge des Schiffs rollen, auf fremden Planeten herumkugeln, drau\u00dfen im freien All schweben \u2026 und die ganze Zeit warst du so farblos und trocken wie Kn\u00fcllpapier.\u201c<br>\u201eDas ist \u2026\u201c murrte der Captain der Sternenflotte beleidigt. \u201eMein Leben war abenteuerlicher, als du es dir vorstellen kannst! Ich war beim Maquis \u2026 dann wurde ich mit meinem Raumschiff in den Deltaquadranten gezogen. Unser Weg nach Hause war ein einziger Kampf \u2026 ich habe meinen Captain geliebt!\u201c<br>\u201eIch wei\u00df\u201c, antwortete der Tr\u00e4umer friedlich. \u201eVielleicht ist dein Katra gerade deswegen so heimatlos.\u201c<br>\u201eUnd die Frauen?\u201c<br>\u201eIch habe keine gesehen. Da waren nur der heulende Wind \u2026 Sandk\u00f6rner, die auf seinem R\u00fccken ritten \u2026 V\u00f6gel, die in der Ferne schrien, ein paar blank geschliffene Gerippe am Wegrand, ab und zu ein d\u00fcrrer Grashalm oder eine Schlange \u2026 deine innere Welt ist arm.\u201c<br>\u201eDas kann nicht sein!\u201c protestierte Chakotay emp\u00f6rt. \u201eMein tierischer Berater sagt etwas ganz anderes. Ich habe oft mit ihm gesprochen \u2026\u201c<br>\u201eBist du sicher, dass der \u00fcberhaupt echt ist?\u201c Piris schmale schwarze Augen glitzerten sp\u00f6ttisch. \u201eIch finde nicht, dass ein Frosch besonders gut zu dir passt. Du solltest deinem technischen Spielzeug nicht zu sehr vertrauen.\u201c<br>\u201eAlle M\u00e4nner und Frauen meines Stammes suchen auf diese Weise Kontakt zur Geisterwelt. Es ist effizient, Zeit sparend und sicher. Die Visionen kommen schnell \u2026\u201c<br>\u201eEin der Erde entfremdeter Stamm \u2026 ein Stamm, der den Einen, der alles sieht und selten eingreift, nicht mehr kennt. Glaubst du wirklich, dass der Weg zur Wahrheit so einfach ist?\u201d<br>\u201eDu meinst, ich muss auf die alte Weise \u2026\u201c<br>\u201eIn der Einsamkeit standhalten, bis der Durst deine Zunge zu trockenem Holz verdorren l\u00e4sst und deine Eingeweide vor Hunger wie ein Rudel verwundeter Lematyas kreischen? Warten bis dein Blut dick wird und dein Gehirn vor Sauerstoffmangel zu fantasieren beginnt? Am Rande des Abgrunds ohne Wiederkehr ausharren und dort die alles entscheidenden Fragen stellen? Ja \u2026 ich denke, das ist der einzige Weg zu dir selbst.\u201c<br>\u201eDas ist barbarisch und gef\u00e4hrlich!\u201c protestierte der Captain der VOYAGER heftig. \u201eUnd es ist gar nicht sicher, ob am Ende etwas Vern\u00fcnftiges dabei herauskommt. Eigentlich wollte ich nur wissen, ob ich mit Seven of Nine oder mit Kathryn Janeway \u2026\u201c<br>\u201eF\u00fcr Tuvok und seine Gemahlin habe ich bereits getr\u00e4umt\u201c, unterbrach ihn der Tr\u00e4umer streng. \u201eWer diese Liebe st\u00f6rt, gef\u00e4hrdet eine gute Zeitlinie und macht uns wehrlos gegen den n\u00e4chsten Aggressor. Wage es ja nicht, daran zu r\u00fchren!\u201c<br>\u201eUnd Seven?\u201c<br>\u201eDas wei\u00df ich nicht\u201c, antwortete Piri schroff. \u201eDu bist in eine Rauchwand gerollt. Ich bin dir gefolgt, aber du warst fort. Ich erkannte nur die karge Landschaft dahinter \u2026 die Badlands. Ich war mit Madras schon einmal dort.\u201c<br>\u201eIch verschwinde in einer Rauchwolke? Hei\u00dft das, dass ich sterben muss?\u201c<br>\u201eNein, Rauch oder Nebel bedeutet, dass ein Schicksal noch nicht festgelegt ist \u2026 die Zeitlinie ist noch im Fluss. Das Ende deiner banalen Reise kann alles M\u00f6gliche bedeuten.\u201c<br>Chakotays dunkle Augen blitzten zornig auf. Er hatte mit allem M\u00f6glichen gerechnet, aber nicht damit, dass der Vulkanier sein Leben als langweilig bezeichnen w\u00fcrde. \u201eWir alle haben so viel durchgemacht! Das kann nicht ohne Bedeutung sein!\u201c<br>\u201eF\u00fcr einige von euch war es bedeutungsvoll \u2026 f\u00fcr jene, die ihrer wahren Bestimmung gefolgt sind \u2026 Harry Kim zum Beispiel, Seven of Nine, Tom Paris, Kathryn Janeway aus dem Hause Kinsai \u2026 auch f\u00fcr B\u2019Elanna Torres, Tuvok und Neelix \u2026 sogar der holografische Heiler \u2026 sie alle sind w\u00e4hrend der Reise gewachsen, st\u00e4rker und kl\u00fcger geworden. Du jedoch warst die ganze Zeit auf dem falschen Weg. Du hast zwar allerlei gefunden, aber nichts davon war f\u00fcr dich bestimmt \u2026 es hat dein Katra nicht wirklich bereichert.\u201c<br>\u201eDas glaube ich nicht! Verdammt nochmal! Und was soll ich deiner Meinung nach tun? Mich vom Wind zu deinen verdammten Badlands rollen lassen? Und was finden?\u201c<br>\u201eDeine richtige Zeitlinie \u2026 Aaron Black Horse wird dir einen Platz zeigen, wo du sie finden kannst.\u201c Die Stimme des Wahrtr\u00e4umers vibrierte vor Autorit\u00e4t.<br>\u201eUnd Seven?\u201c fragte Chakotay kleinlaut. \u201eSie wird sich Sorgen machen \u2026\u201c<br>\u201eIch gehe zu ihr und erkl\u00e4re es ihr\u201c, versprach Piri ernst. \u201eIhr Katra fasziniert mich \u2026\u201c<br>\u201eKomm mit!\u201c befahl der Lakotah\u00e4uptling, der lautlos n\u00e4her gekommen war. \u201eIn drei\u00dfig Minuten geht die Schwebebahn!\u201c<br>\u201eWir nehmen nicht den Transporter?\u201c<br>\u201eDas w\u00e4re ein zu leichter Weg in die Einsamkeit. Wir werden fahren, reiten \u2026 und das letzte St\u00fcck laufen und klettern.\u201c Wortlos folgte Chakotay dem federgeschm\u00fcckten Indianer.<br>\u201eIch bin gespannt, ob er es kapieren wird \u2026\u201c murmelte der Vulkanier nachdenklich.<\/p>\n\n\n\n<p>* * *<\/p>\n\n\n\n<p>Der gescheckte Mustang war ein wildes, extrem st\u00f6rrisches Biest und Chakotay hatte alle H\u00e4nde voll zu tun, um oben zu bleiben. Dem hintergr\u00fcndigen Grinsen des Indianers entnahm er, dass er ihm dieses h\u00e4ssliche knochige Vieh mit voller Absicht untergeschoben hatte \u2026 wahrscheinlich, um seine Reflexe oder seine Verbundenheit mit Vater Himmel und Mutter Erde zu testen.<br>\u201eDu reitest einen Stammvater vieler schneller Pferde.\u201c Wie es schien, konnte auch der Lakota Gedanken lesen. \u201eEs sollte f\u00fcr dich eine Ehre sein \u2026 aber wahrscheinlich bist du nur holografische Reittiere gewohnt \u2026 wenn \u00fcberhaupt.\u201c<br>\u201eIch beschwere mich ja nicht\u201c, murmelte Chakotay frustriert. \u201eMir tut nur der Hintern weh.\u201c<br>\u201eGut. Eine weitere Pr\u00fcfung \u2026\u201c<br>Chakotay biss heftig die Z\u00e4hne zusammen. Am liebsten h\u00e4tte er seinen selbstgerechten F\u00fchrer mit blo\u00dfen F\u00e4usten aus dem Sattel gesto\u00dfen \u2026<br>Der Abendhimmel \u00fcber dem kargen Land sah kitschig aus. Purpurrot mischte sich grell mit Gold und einem knalligen Blaugr\u00fcn. Lange violette Schatten streiften das falbe Land, zwei Adler kreisten hoch oben \u2026 ihre Schreie klangen verloren und schrill.<br>\u201eSie haben einander gefunden\u201c, bemerkte Aaron Black Horse and\u00e4chtig. \u201eSchon bald wird die Adlerfrau Eier legen und ihr gefiederter Gemahl f\u00fcr zwei jagen m\u00fcssen.\u201c<br>Der Captain der VOYAGER fand, dass der Lakota sich beinahe wie ein Vulkanier anh\u00f6rte und verzog am\u00fcsiert den apart geschwungenen Mund. \u201eIch wusste gar nicht, dass Adler ihre Weibchen derma\u00dfen wichtig nehmen \u2026 oder ist die neue Begeisterung f\u00fcr Vulkan schon in den entlegensten Reservationen angekommen?\u201c<br>\u201eMein Stamm ist den Clans der Turuska seit dreiundachtzig Jahren eng verbunden. Damals kam Madras aus dem Hause Kinsai auf der Suche nach Heilung zur Erde\u00e2\u20ac\u00a2. Als es ihm wieder besser ging, hat er uns bei unseren H\u00fctten und Tipis besucht. Er sieht Parallelen zwischen den Schicksalen unserer V\u00f6lker \u2026\u201c<br>F\u00fcr Chakotay roch das beinahe nach einer Verschw\u00f6rung. \u201eDie Turuska haben den Dominionkrieg benutzt, um auf Vulkan die Macht an sich zu rei\u00dfen und den ganzen Planeten umzukrempeln \u2026 sogar den biederen, stocksteifen Tuvok. Und jetzt haben sie die Ureinwohner aller F\u00f6derationswelten aufgestachelt, sich mehr als bisher einzumischen. Meinem Vater h\u00e4tte das sehr gefallen \u2026\u201c Pl\u00f6tzlich wurde ihm klar, dass er nicht nur zwischen zwei Frauen, sondern auch zwischen zwei grundverschiedenen Kulturen stand.<br>\u201eDu solltest dich endlich entscheiden!\u201c Wieder hatte Chakotay den Eindruck, dass sein Begleiter locker seine Gedanken lesen konnte. \u201eDu kannst ein Apfel bleiben, das Stammeszeichen entfernen lassen oder deine Wurzeln endlich ernst nehmen \u2026\u201c<br>\u201eWoher wei\u00dft du \u2026\u201c<br>\u201eMein Gro\u00dfvater ist ein Sohn der ruhmreichen T\u2019Kuro aus dem Hause Kuma. Er kam auf Vulkan im Institut f\u00fcr Interspeziesgenetik zur Welt.\u201c<br>\u201eDie T\u2019Kuro? Die Oberbefehlshaberin aller Ah\u2019Maral? Die Frau, die mit sieben Kampffliegerstaffeln die Breen vertrieben und die Erde gerettet hat? Wie kommt es \u2026\u201c<br>Aaron Black Horse l\u00e4chelte aufreizend selbstbewusst. \u201eDer Rat der Anf\u00fchrer der Ah\u2019Maral beschloss damals, unserem Volk ein besonders wertvolles Geschenk zu machen. Sieben unserer besten M\u00e4nner durften nach Vulkan reisen um sieben besonders begabten Kriegerinnen der Turuska ihren Samen zu schenken. Diese tapferen Frauen trugen zw\u00f6lf menschliche S\u00f6hne f\u00fcr uns aus. Ihr Erbe wurde inzwischen vielfach weitergetragen. Mein Volk verf\u00fcgt jetzt auch \u00fcber Telepathen, einen Wahrtr\u00e4umer und zwei Kriegerinnen mit der Macht \u00fcber Schmerz und Tod.\u201c<br>\u201eSie haben an alles gedacht \u2026 sogar ber\u00fccksichtigt, dass M\u00e4nner bedeutend mehr Nachkommen als Frauen haben k\u00f6nnen!\u201c Pl\u00f6tzlich bockte der Mustang, der Captain der VOYAGER flog in hohem Bogen durch die Luft und landete unsanft auf dem holperigen Boden. \u201eAu!\u201d schrie Chakotay frustriert. Der Wunsch, dem Indianer auch weh zu tun war geradezu \u00fcberw\u00e4ltigend. \u201eBist du nicht manchmal w\u00fctend, weil du nicht einmal halb so lange wie deine Urgro\u00dfmutter leben wirst?\u201d fragte er lauernd.<br>Der H\u00e4uptling schwieg \u2026 ein vager Schatten huschte \u00fcber sein markantes Gesicht. \u201eDie Gro\u00dfmut eines Freundes darf man nicht hinterfragen. Au\u00dferdem war es richtig: Vulkanierkinder h\u00e4tten den Lakota nicht weiter geholfen, aber so \u2026 vor zwei Jahren haben wir die vierte Bruderschaft der Ah\u2019Maral gegr\u00fcndet. Wir sind nicht mehr wehrlos und falls unser Volk noch einmal angegriffen wird \u2026 jeder Aggressor wird sich einen blutigen Sch\u00e4del holen.\u201c<br>Chakotay f\u00fchlte sich zwischen Begeisterung und Unbehagen hin und her gerissen. Unter den Augen der Erdregierung entstand eine heimliche Gegenkultur aus genetisch \u00fcberlegenen Indianern! Verstie\u00df das nicht gegen die Gesetze der F\u00f6deration? Sollte \u00fcber so eine gravierende Ver\u00e4nderung nicht die ganze Erdbev\u00f6lkerung entscheiden?<br>\u201eNein\u201c, erkl\u00e4rte Aaron Black Horse am\u00fcsiert. \u201eEs ist nicht verboten, sich mit einem Mann oder einer Frau von einem anderen Planeten der F\u00f6deration zu verbinden und gemeinsame Nachkommen zu bekommen. Au\u00dferdem wollen wir uns nur verteidigen \u2026\u201c Sie ritten schweigend weiter, bis der Himmel samtschwarz war und die Sterne darauf wie kostbare Kristalle glitzerten. Als der Mond aufging, z\u00fcgelte der Lakota sein Pferd. \u201eSiehst du die Klippe da oben? Das ist dein Platz \u2026 und jetzt gib mir, was du vorl\u00e4ufig nicht brauchen wirst.\u201d<br>Wortlos legte Chakotay seine Brieftasche, seinen Phaser und seinen Kommunikator auf den nackten Boden, zog die Schuhe und die braune Lederjacke aus \u2026 schnallte auf einen strengen Blick hin seinen G\u00fcrtel ab und st\u00fclpte ergeben s\u00e4mtliche Taschen seiner \u00fcbrigen Kleidung frustriert nach au\u00dfen. Ein Taschenmesser, drei St\u00fcck W\u00fcrfelzucker, zwei Keksriegel, ein Feueranz\u00fcnder und andere n\u00fctzliche Kleinigkeiten fielen zu Boden \u2026<br>Der H\u00e4uptling kontrollierte mit scharfen Augen, dass er ja nichts verga\u00df. \u201eDas reicht\u201c, beschied er knapp, als Chakotay sich anschickte, auch noch das Hemd auszuziehen. \u201eSonst erfrierst du uns wom\u00f6glich \u2026 und jetzt rauf mit dir!\u201c<br>Ein Lasso wirbelte elegant durch die Luft und blieb an einem Felszacken h\u00e4ngen. Der Captain der VOYAGER kletterte daran hinauf, l\u00f6ste das Seil und warf es wieder hinunter \u2026 jetzt gab es kein zur\u00fcck mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>* * *<\/p>\n\n\n\n<p>Anfangs musste Chakotay heftig gegen seinen inneren Schweinehund ank\u00e4mpfen, der die Werte des Lakota offen verh\u00f6hnte und ihn beharrlich zur Flucht aufstachelte. Er hatte das winzige Plateau stundenlang wie ein gefangenes Tier umkreist und nach geeigneten Wurzeln und Unebenheiten Ausschau gehalten \u2026 aber ohne Seil gab es keinen sicheren Weg nach unten. Einmal hatte ein Puma vergeblich versucht, zu ihm hinaufzuklettern und der Mann mit dem Stammeszeichen hatte sich gefragt, ob das wohl sein neuer tierischer Ratgeber w\u00e4re \u2026 aber das Raubtier war so offensichtlich nur an seinem Fleisch interessiert gewesen, dass er den Gedanken wieder verwarf. Nun war er froh, auf der hohen steilen Klippe vor dieser und anderen hungrigen Bestien sicher zu sein.<br>Der vierte Morgen! Eine grelle Sonne streichelte Chakotays von der eisigen K\u00e4lte der Nacht steif gefrorene Knochen. Die schlimmsten Qualen von Hunger und Durst lagen hinter ihm: irrationaler Selbsthass, \u00fcberfl\u00fcssige Fluchtimpulse, unertr\u00e4gliche Magenschmerzen, Fieberschauer, Wahnvorstellungen von monstr\u00f6sen Fress- und Saufgelagen \u2026 sp\u00e4ter bescheidenere und ebenso vergebliche Gel\u00fcste nach Regen, schlammigen Pf\u00fctzen, nahrhaften K\u00e4fern. Imagin\u00e4re Feuer umzingelten ihn und graue Rauchschwaden fra\u00dfen seine letzten Tr\u00e4ume. Der Mann auf dem Felsen hatte jetzt keine k\u00f6rperlichen Bed\u00fcrfnisse mehr. Magen, Darm und Blase waren seit so langer Zeit leer, dass ihre tauben Nervenenden keinerlei Signale in sein Gehirn sandten, das Blut kroch immer langsamer wie eine dunkelrote z\u00e4he sterbende Schlange durch seine Adern. Selbst wenn er es gewollt h\u00e4tte \u2026 er konnte nicht mehr aufstehen und nachsehen, ob \u2026 er war nicht einmal mehr imstande, sich \u00fcber die Kante in den Tod zu rollen.<br>\u201eDu Schwachkopf!\u201c zischte die gemeine Stimme. \u201eWas musstest du dich mit diesen Wilden einlassen! Als du jung warst und dich deinem Stamm widersetzt hast, wusstest du besser, was gut f\u00fcr dich ist! Diese Spitzohren wollen dich doch nur kaputtmachen, damit du sie nicht l\u00e4nger bei ihren fiesen Intrigen st\u00f6ren kannst. Lass die T\u00e4towierung entfernen \u2026 und dann solltest du nach Vulkan fliegen und von Tuvok deine Frau zur\u00fcckfordern!\u201c<br>\u201eLass mich in Ruhe!\u201d dachte Chakotay, dessen Kehle aus Sandpapier nicht einmal mehr ein Kr\u00e4chzen hervorbringen konnte, m\u00fcde. \u201eIch werde jetzt sterben! Dein bl\u00f6des Geschwafel fehlt mir gerade noch! In der n\u00e4chsten Welt gibt es weder Kathy noch Seven. Ich verstehe es nun: Ich muss weiter \u2026 ein neuer Kreislauf \u2026 ein anderer H\u00fcter des Geistes \u2026\u201d<br>Pl\u00f6tzlich stieg eine Art holografischer Flut zu ihm empor. Er sa\u00df scheinbar inmitten eines klaren Sees mit bewaldeten Ufern auf einer kleinen Felseninsel. In ungef\u00e4hr zwanzig Meter Entfernung ragte ein riesiges Gebilde aus kunstvoll verflochtenen \u00c4sten aus dem Wasser und ein braunes gl\u00e4nzend bepelztes Lebewesen war eifrig damit besch\u00e4ftigt, von einem ganz offensichtlich mit den Z\u00e4hnen gef\u00e4llten Baum \u00c4ste abzunagen, sie ins Wasser zu zerren und damit seine merkw\u00fcrdige Burg zu erweitern. Der Mensch mit dem Stammeszeichen bewunderte das freundliche Wesen des Tieres, seine enorme Geschicklichkeit, seine blanken klugen Augen, den praktischen Ruderschwanz, sogar die gro\u00dfen, orangefarbigen Nagez\u00e4hne. Er mochte es sehr, obwohl er es nicht zuordnen konnte. Als Kolonist auf einem anderen Planeten kannte er sich mit der Fauna der Erde nicht aus \u2026<br>\u201eBist du mein neuer tierischer Ratgeber?\u201c fragte er respektvoll.<br>\u201eIch bin dein Totem, dein Freund, dein Bruder, dein Vorbild \u2026\u201c dr\u00f6hnte eine machtvolle mentale Stimme in Chakotays Bewusstsein. \u201eDu und ich \u2026 wir sind keine Krieger. Wir wandern nur, wenn es n\u00f6tig ist. Du und ich \u2026 wir sind Erbauer. Deine Bestimmung ist es, mit deinen H\u00e4nden f\u00fcr andere Menschen n\u00fctzliche Dinge zu schaffen \u2026 das kannst du am besten. Du geh\u00f6rst nicht auf ein Sternenschiff \u2026\u201c<br>\u201eWas bist du \u2026 was sind wir?\u201c<br>\u201eIch bin ein Biber \u2026 ein Sohn der Erde, des Fr\u00fchlings und des Ostens.\u201d<br>\u201eEin Biber! Und was ist mit der Familie?\u201c<br>\u201eIch baue gerade eine gr\u00f6\u00dfere Wohnung f\u00fcr meine Kinder. Auch du solltest bald dein eigenes Tipi errichten und dann \u2026\u201c<br>Chakotay erhaschte einen fl\u00fcchtigen Blick auf blauschwarzes glattes Haar, dunkle verhangene Augen, runde braune H\u00fcften \u2026 und er roch den \u00fcberw\u00e4ltigenden Duft ungez\u00e4hmter Weiblichkeit! Trotz seiner k\u00f6rperlichen Schw\u00e4che reagierte ein Teil von ihm peinlich heftig \u2026 dann verschlang ihn eine bodenlose Finsternis.<br>Der Ah\u2019Maral Piri, der in seinem durchsichtigen Kampfflieger in einem station\u00e4ren Orbit \u00fcber den Badlands schwebte, registrierte besorgt, dass die Lebenszeichen des Captains der VOYAGER abrupt schw\u00e4cher wurden und beamte ihn kurz entschlossen in das Zelt von Jonas Creeping Lynx, dem erfahrenen Medizinmann der Lakota. Dann steuerte er sein kleines Raumschiff in die Erdatmosph\u00e4re. Jetzt war er neugierig geworden \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>* * *<\/p>\n\n\n\n<p>Chakotay wusste nicht, wie lange er bewusstlos gewesen war. Er hatte es nicht eilig, die Augen zu \u00f6ffnen und sich dem Leben neu zu stellen, genoss stattdessen lieber die weiche, pelzige Unterlage, die gem\u00fctliche warme Decke, den Duft nach bitteren Kr\u00e4utern und herbem Rauch. \u201eIch bin ein Erbauer\u201d, dachte er gl\u00fccklich. \u201eEin praktischer, geschickter und h\u00e4uslicher Biber. Mein Name ist Chakotay Dogged Beaver \u2026 ein sch\u00f6ner Name!\u201d Dann hob er entschlossen die Lider. Drau\u00dfen war es l\u00e4ngst wieder Nacht. Ein flackerndes Feuer in der Mitte des Zeltes erhellte die Gesichter von Piri aus dem Hause Tureg und Aaron Black Horse vom Volk der Lakota. Beide wirkten \u00e4u\u00dferst zufrieden. \u201eLanges Leben und Erfolg, Chakotay Dogged Beaver!\u201d sprach der Wahrtr\u00e4umer feierlich. \u201eDu bist jetzt kein rollender trockener Busch mehr. Von nun an hat alles, was du auf deinem Lebensweg findest, Bedeutung.\u201d \u201eDu bist unser Bruder \u2026 und kein Apfel mehr, der au\u00dfen rot und innen wei\u00df ist. Wakan Tanka wird dich besch\u00fctzen \u2026\u201d \u201eWer ist das?\u201d \u201eDer lebendige Geist, der gleichzeitig \u00fcberall wohnt \u2026\u201d antwortete der H\u00e4uptling ruhig. \u201eEin anderer Name f\u00fcr Ah\u2019Tha, den Einen, der alles sieht und sehr selten eingreift\u201d, best\u00e4tigte der riesige dunkle Vulkanier sanft.<\/p>\n\n\n\n<p>* * *<\/p>\n\n\n\n<p>Vier Tage sind eine sehr lange Zeit, wenn es gilt, die Qualen einer sterbenden Bindung zu ertragen \u2026 und eine extrem kurze Zeit, um auch nur ann\u00e4hernd zu begreifen, warum das menschliche Konzept der Liebe wieder einmal so j\u00e4mmerlich versagt hat. Die zu Tode ersch\u00f6pfte Seven stand regungslos in ihrem Alkoven und regenerierte. Gr\u00fcne zuckende Entladungen zauberten einen seltsamen Heiligenschein um ihren blonden Kopf. Pl\u00f6tzlich erzitterten die langen Wimpern ihrer gro\u00dfen fest geschlossenen Augen und ihre \u00fcppigen blassen Lippen formten tonlos ein einziges Wort: \u201eAxum!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 2005 by Anneliese Wipperling<\/p>\n<div style=\"padding: 10px 0 \"  class=\"interactive_bottom\"><div class='button_holder_left'><iframe allowtransparency=\"true\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" src=\"http:\/\/platform.twitter.com\/widgets\/tweet_button.html?url=http%3A%2F%2Fst-defender.de%2F%3Fp%3D1687&amp;text=Das Stammeszeichen&amp;count=horizontal&amp;lang=de_DE  \" style=\"width:65px; height:21px;\"><\/iframe><\/div><div class='button_holder_left'><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fst-defender.de%2F%3Fp%3D1687&amp;layout=box_count&amp;show_faces=false&amp;width=65&amp;action=like&amp;font=arial&amp;colorscheme=light&amp;height=65\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:65px; height:65px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Voyager ist endlich heimgekehrt \u2013 doch Chakotay f\u00fchlt sich ungl\u00fccklich und rastlos. Ein vulkanischer Wahrtr\u00e4umer und ein H\u00e4uptling der Lakota zeigen ihm, dass er bisher falsch gelebt hat \u2026 Star Trek Kurzgeschichte von Anneliese Wipperling Der st\u00e4mmige dunkelhaarige Mann mit der markanten T\u00e4towierung an der Schl\u00e4fe sa\u00df in entspannter Haltung auf einer Parkbank und &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[136,4],"tags":[162,121],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/st-defender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1687"}],"collection":[{"href":"http:\/\/st-defender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/st-defender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/st-defender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/st-defender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1687"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/st-defender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1687\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1691,"href":"http:\/\/st-defender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1687\/revisions\/1691"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/st-defender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1687"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/st-defender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1687"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/st-defender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1687"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}